Warum 6 Stunden Arbeit am Tag ausreichen.

Aktualisiert: Apr 28

Der Plan hinter einer 40-Stunden-Woche geht nicht auf. Die Wissenschaft weiß das schon lange. Die Wirtschaft ignoriert es konsequent. Ein nicht zu Ende gedachtes Wunschkonzept steht der Realität gegenüber. Wer wird gewinnen?


Das Modell einer 40-Stunden-Woche funktioniert für mich nicht. Hat es noch nie. Die Vorstellung macht mich wirklich fertig. Jetzt mal ernsthaft. Acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Zeit, um zu leben? Nope, nicht mit mir. Wieso? Weil das Leben zu kurz ist, verdammt! Daher mein Grundsatz: Sechs Stunden Arbeit und der Tag gehört Dir! Und was für ein Zufall, dass man in sechs Stunden genauso viel schafft wie in acht.

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Das Märchen von der 40-Stunden-Woche


Ich weiß nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund hat mir der Gedanke an acht Stunden Arbeit am Tag – fünf Tage die Woche, mit nur 30 Tagen Urlaub IM GANZEN JAHR (!) – schon immer Angst gemacht. Das ist echt ‘ne ganze Menge Zeit. Darum stand für mich eigentlich ziemlich schnell fest: eine 40-Stunden-Woche kommt nicht in Frage. Ich habe dann auch ziemlich schnell gelernt, dass man das lieber nicht in Vorstellungsgesprächen sagen sollte. Kommt nicht so gut. Aber wieso eigentlich nicht?


Egal, wie oft ich es in meinem Kopf durchspiele mir fällt einfach kein vernünftiger Grund ein, dermaßen viel Zeit vor einem Bildschirm zu verbringen. Selbst, wenn ich mit Herz und Seele dabei bin – acht Stunden sind einfach zu lang. Wie machen die anderen das bloß? Wie bleiben die so lange bei der Sache? Woher nehmen die ihre Motivation? Und wie können die sich nach acht Stunden Arbeit überhaupt noch um ihr Privatleben kümmern?


Die Antworten darauf waren jedes Mal die Gleichen – "Da gewöhnt man sich schon dran", "So ist halt das Leben". Als ich dann während des Studiums einen Büro-Nebenjob hatte, ist mir ziemlich schnell klar geworden, dass "Da gewöhnt man sich schon dran" eine Lüge war. 1. habe ich mich auch nach einem Jahr nicht an acht Stunden Arbeit am Stück gewöhnt und 2. habe ich das Arbeitsverhalten meiner Kolleginnen mal genauer unter die Lupe genommen.


Die haben nämlich gar nicht acht Stunden am Tag gearbeitet. Ich meine, klar, die waren acht Stunden am Tag + Pause vor Ort. Die sind um 8 Uhr ins Büro gekommen und um 17 Uhr wieder gegangen. In der Zwischenzeit wurde da wirklich eine ganze Menge geschafft: Es wurden pro Person etwa 37 Tassen Kaffee getrunken, vegane Rezepte bei Pinterest gesucht, Parfum-Dupes auf unseriösen Websites geshoppt und mithilfe von YouTube-Tutorials gelernt, wie man mit zwei Fingern pfeifen kann.


Wie ich mir damals habe sagen lassen, "machen das alle so." Aha. Es ist wohl common sense, dass man von den acht Stunden Arbeitszeit nicht ernsthaft acht Stunden arbeitet. Das wär‘ ja auch echt verrückt.

Wirklich niemand arbeitet 8 von 8 Stunden.


Wie viel wird tatsächlich gearbeitet?


Eine Studie aus Großbritannien*(1) hat das mal genauer untersucht. Fast 2000 Angestellte wurden dazu befragt, wie sie ihre Arbeitszeit an einem normalen Arbeitstag verbringen. Die Ergebnisse sind erschreckend (oder vielleicht auch weniger erschreckend für alle, die sich hier wiedererkennen). Von acht Stunden wurden nur knapp drei Stunden am Tag wirklich gearbeitet. Was mit den restlichen Fünf passiert ist? Die sind draufgegangen für Social Media, Plausch mit Kolleginnen, Heißgetränke, Raucherpäuschen und Telefonate mit Familie und Freunden. Man kennt`s.



Über die Hälfte der Befragten gab daraufhin an, nur so den Arbeitstag überstehen zu können. Diese "kleinen" Pausen ermöglichen es ihnen, ihr Arbeitspensum am Tag zu schaffen. Wie repräsentativ diese Daten wirklich sind, bleibt an dieser Stelle offen. Aber Fakt ist – Hand aufs Herz – niemand arbeitet an einem Acht-Stunden-Tag ernsthaft acht Stunden. Ich weiß das. Du weißt das. Wir alle wissen das.


Woran liegt das?


Es bringt hier rein gar nichts, mit dem Finger auf die prokrastinierende Arbeitnehmerschaft zu zeigen. Die hohe Unproduktivität an langen Arbeitstagen ist nämlich oft auch Resultat einer dysfunktionalen Organisationsstruktur. Eine Studie von Asana*(2) zeigt:

  • 30 % der Zeit werden mit der doppelten Erledigung von Arbeit verbracht. Wie das sein kann? Ganz einfach: schlechte Kommunikation, schlechte Organisation.

  • Weiterhin sitzen wir alle etwa eine Stunde wöchentlich in ziemlich unnötigen Meetings.

  • In den meisten Unternehmen werden außerdem zu viele verschiedene Programme und Tools genutzt, deren Koordination Zeit frisst und uneffektiv macht.

  • Ein weiterer riesiger Leistungskiller: Steigende Arbeitslast. Das bedeutet: Mehr Aufgaben = weniger Produktivität.

  • Darüber hinaus fehlt es den meisten Unternehmen an Klarheit. Sieben von zehn Mitarbeiterinnen fühlen sich aufgrund mangelnder Klarheit und Transparenz im Unternehmen nicht 100-prozentig für das Erreichen ihre Ziele ausgerüstet.

Wie sich die meisten außerdem wahrscheinlich denken können oder es schon selbst erfahren haben, verschlechtert sich mit steigender Arbeitszeit auch die Gesundheit, während die Krankentage und Besuche beim Arzt in die Höhe gehen*(3). Besonders Rückenschmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung sowie Schlafstörungen gehören zu den Symptomen*(4). Und wer permanent gestresst und überarbeitet ist, kann einfach nicht 100 % geben. Wer hingegen ausgeruht ist, glücklich und sich bei der Arbeit wohlfühlt, kann und wird Vollgas geben.


Ist weniger mehr?


Bereits 2007 fand Hartmut Seifert einen Zusammenhang zwischen steigender Arbeitszeit und sinkender Leistung. In einer Studie*(5) verglich er die Arbeitsproduktivität von 20 Ländern, indem er deren durchschnittliche Wochen-Arbeitszeit der jeweiligen stündlichen Produktivität gegenüberstellte. Die Tendenz ist eindeutig: Länder, in denen die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche höher ist, sind bei der Arbeit weniger produktiv. Zum Beispiel wiesen die Bulgaren, bei denen eine durchschnittliche Arbeitswoche 40,7 Stunden lang ist, nur etwa ein Viertel der Produktivität der Franzosen auf, die in 36,2 Stunden fast viermal so viel leisteten.


Ist das also der Deal? Um für mehr bezahlt zu werden, als ich eigentlich leiste, muss ich einfach 8 Stunden meiner Lebenszeit gegen Geld eintauschen? Das scheint mir nicht sehr sinnvoll zu sein – schließlich hab' ich keine Chance, meine Zeit jemals zurückzubekommen. Wie wärs damit: Die Arbeitszeit verkürzen.

6 Stunden Arbeit reichen locker


Eine Handvoll Unternehmen macht es vor. Kaum jemand macht es nach.

Schade eigentlich, schließlich bringt die Verkürzung der Arbeitszeit eigentlich nur Vorteile mit sich. Denn: Die 40-Stunden-Woche ist eine Illusion, eine Wunschvorstellung. Die Wissenschaft hat längst festgestellt und mehrfach bestätigt, dass kein Mensch so lange effektiv arbeiten kann. Wieso also nicht gleich ein neues Modell einführen und normalisieren?


25-Stunden-Woche in San Diego


Auf der ganzen Welt wurden hierzu bereits Experimente und Testläufe durchgeführt. Da haben wir z. B. einmal das Unternehmen "Tower" ein Paddelbrett-Hersteller mit weltweitem Vertrieb aus San Diego. Stephan Aarstol (CEO) hat schon vor ein paar Jahren, bei gleichbleibendem Gehalt, die Arbeitszeiten seiner Angestellten verkürzt. Sein ganzes Team arbeitet jetzt nur noch von 8 bis 13 Uhr. Und die Gleichung geht auf: Die Umsätze stiegen um etwa 40 %. Hö? Trotz weniger Arbeit mehr Leistung? Ja klar, schließlich hat sich an den bisherigen Leistungszielen und Deadlines nichts geändert. Stephans Leute sollen nicht fürs gleiche Geld weniger arbeiten. Das wär' ja auch ziemlich dumm. Sie sollen nur dieselbe Arbeit in kürzerer Zeit schaffen. Und das funktioniert wunderbar*(6).



30-Stunden-Woche in Schweden


Auch in Schweden wurden verkürzte Arbeitszeiten längst ausprobiert und ihr positiver Effekt mehrfach bestätigt*(7). Verkürzt wurden die Arbeitszeiten hier von acht auf sechs Stunden pro Tag – auch bei gleichbleibender Entlohnung. Beteiligt an dem Experiment waren zum Beispiel das Toyota-Werk in Göteborg, das Svartedalen-Heim in Göteborg und das Sahlgrenska-Krankenhaus in Mölndal. Das Ergebnis: Überall war die Mitarbeiterzufriedenheit deutlich höher, die Krankmeldungen niedriger und der Umsatz leicht bis deutlich gestiegen. Obwohl zwei Stunden weniger gearbeitet wurde, haben die Angestellten in dieser Zeit dieselbe Leistung erbracht wie an einem Acht-Stunden-Tag. By the way: Das Toyota-Werk setzt die 30-Stunden-Woche nun schon seit 2004 um.


25-Stunden-Woche in Deutschland


Zu guter Letzt: Auch in Deutschland wurde bereits mit Verkürzungen der Arbeitszeit experimentiert – wieder mit positivem Ergebnis*(7). Die IT-Agentur „Rheingans Digital Enabler“ ist seit 2017 dabei, die 25-Stunden-Woche zu optimieren. Auch hier bekommen die Mitarbeiterinnen nach wie vor das gleiche Gehalt. Das Ergebnis: Um eine 25-Stunden-Woche effektiv umzusetzen, mussten Arbeitsprozesse zunächst verbessert werden. Das heißt: keine sinnlosen Meetings, kein work-about-work, keine Prokrastination. Im Endeffekt hat den Mitarbeitern und Führungskräften das Resultat so gut gefallen, dass das Experiment bis heute anhält.

Wieso verändert sich nichts?


Wollen die meisten einfach lieber mehr arbeiten? Nicht wirklich. Eine Studie*(8) gibt uns einen repräsentativen Überblick zu den Wünschen der Arbeitnehmerschaft in Deutschland. 8567 Probanden wurden gefragt, wie zufrieden sie mit ihren Arbeitszeiten sind. Die Ergebnisse sprechen für sich: Fast die Hälfte aller Befragten (=49 %) gab an, die geleistete Arbeitszeit pro Woche gern verkürzen zu wollen. Differenziert nach Teil- und Vollzeit wird dieses Ergebnis noch deutlicher: 58 % aller Vollzeitbeschäftigten wünschen sich eine kürzere Arbeitszeit. Um genau zu sein, wollen diese ihre Arbeitszeit am liebsten um ca. 9 Stunden pro Woche verkürzen.


Über die Hälfte aller Menschen in Vollzeit will also eigentlich gar nicht in Vollzeit arbeiten. Aha. Und die Arbeit von acht Stunden schafft man auch in sechs. Okay. Und verkürzte Arbeitszeiten bringen mehr Gewinn fürs Unternehmen und ein zufriedeneres und glücklicheres Leben für alle. So weit, so gut. Außerdem wären kürzere Arbeitszeiten ein echter Wettbewerbsvorteil im Kampf um gute Fachkräfte. Richtig. Bleibt noch eine Frage offen: Wieso ist die 30-Stunden-Woche noch nicht der Standard in Deutschland?


Quellen:


*(1) vgl. Vouchercloud: How Many Productive Hours in a Work Day? Just 2 Hours, 23 Minutes. URL: https://www.vouchercloud.com/resources/office-worker-productivity (27.04.2021)

*(2) vgl. Asana (2021): Anatomie der Arbeit. URL: https://asana.com/de/resources/anatomy-of-work (27.04.2021)

*(3) vgl. Cygan-Rehm, Kamila/ Wunder, Christoph (2018): Do working hours affect health? Evidence from statutory workweek regulations in Germany. In: Labour Economics. Vol. 53. S. 162-171. URL: https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&pm_id=3008. (27.04.2021)

*(4) vgl. BAuA (2016): Arbeitszeitreport Deutschland 2016. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. URL: https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2398.pdf?__blob=publicationFile&v=9 (27.04.2021)

*(5) vgl. Seifert, Hartmut (2007): Kurze Arbeitszeit, hohe Produktivität. In: Böcklerimpuls. Heft 17. URL: https://www.boeckler.de/pdf/impuls_2007_17_6.pdf (27.04.2021)

*(6) vgl. Aarstol, Stephan (2016): The Five-Hour Workday: Live Differently, Unlock Productivity, and Find Happiness. Lioncrest Publishing. URL: https://www.amazon.de/Five-Hour-Workday-Differently-Productivity-Happiness/dp/1619614510 (27.04.2021)

*(7) vgl. Avantgarde Experts (2018): Der 6-Stunden-Tag: Die perfekte Work-Life-Balance?(https://www.avantgarde-experts.de/de/magazin/6-stunden-tag/) (27.04.2021)

*(8) vgl. BAuA (2018): BAuA-Arbeitszeitbefragung: Arbeitszeitwünsche von Beschäftigten in Deutschland. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeits-medizin.

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