Warum 6 Stunden Arbeit am Tag ausreichen.

Aktualisiert: 3. Dez. 2021

Der Plan hinter einer 40-Stunden-Woche geht nicht auf. Die Wissenschaft weiß das schon lange. Die Wirtschaft ignoriert es konsequent. Ein nicht zu Ende gedachtes Wunschkonzept steht der Realität gegenüber. Wer wird gewinnen?


Das Modell einer 40-Stunden-Woche funktioniert für mich nicht. Hat es noch nie. Die Vorstellung macht mich wirklich fertig. Jetzt mal ernsthaft: acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Zeit, um zu leben? Nope, nicht mit mir. Wieso? Weil das Leben zu kurz ist, verdammt! Daher mein Grundsatz: Sechs Stunden Arbeit und der Tag gehört Dir! Und was für ein Zufall, dass man in sechs Stunden genauso viel schafft wie in acht.

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Das Märchen von der 40-Stunden-Woche


Ich weiß nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund hat mir der Gedanke an acht Stunden Arbeit am Tag – fünf Tage die Woche, mit nur 30 Tagen Urlaub IM GANZEN JAHR (!) – schon immer Angst gemacht. Das ist echt ‘ne ganze Menge Zeit. Darum stand für mich eigentlich ziemlich schnell fest: eine 40-Stunden-Woche kommt nicht in Frage. Ich habe dann auch ziemlich schnell gelernt, dass man das lieber nicht in Vorstellungsgesprächen sagt. Kommt nicht so gut. Aber wieso eigentlich nicht?


Egal, wie oft ich es in meinem Kopf durchspiele mir fällt einfach kein vernünftiger Grund ein, dermaßen viel Zeit vor einem Bildschirm zu verbringen. Selbst, wenn ich mit Herz und Seele dabei bin – acht Stunden sind einfach zu lang. Wie machen die anderen das bloß? Wie bleiben die so lange bei der Sache? Woher nehmen die ihre Motivation?


Die Antworten darauf waren jedes Mal die Gleichen – "Da gewöhnt man sich schon dran", "So ist halt das Leben". Als ich dann während meines Werkstudentenjobs das Arbeitsverhalten meiner Kolleginnen mal genauer unter die Lupe genommen habe, ist mir ziemlich schnell klar geworden, dass "Da gewöhnt man sich schon dran" eine Lüge war.


Die haben nämlich gar nicht acht Stunden am Tag gearbeitet. Ich meine, klar, die waren acht Stunden am Tag + Pause vor Ort. Die sind um 8 Uhr morgens ins Büro gekommen und um 17 Uhr wieder gegangen. Und in der Zwischenzeit wurde da wirklich eine ganze Menge geschafft: Es wurden pro Person etwa 37 Tassen Kaffee getrunken, vegane Rezepte bei Pinterest gesucht und mithilfe von YouTube-Tutorials gelernt, wie man mit zwei Fingern pfeifen kann.


Wie ich mir damals habe sagen lassen, "machen das alle so." Aha. Es ist wohl common sense, dass man von den acht Stunden Arbeitszeit nicht ernsthaft acht Stunden arbeitet. Das wär‘ ja auch echt verrückt.

Wirklich niemand arbeitet 8 von 8 Stunden.


Wie viel wird tatsächlich gearbeitet?


Eine Studie aus Großbritannien*(1) hat das mal genauer untersucht. Fast 2000 Angestellte wurden dazu befragt, wie sie ihre Arbeitszeit an einem normalen Arbeitstag verbringen. Die Ergebnisse sind erschreckend (oder vielleicht auch weniger erschreckend für alle, die sich hier wiedererkennen). Von acht Stunden wurden nur knapp drei Stunden am Tag wirklich gearbeitet. Was mit den restlichen Fünf passiert ist? Die sind draufgegangen für Social Media, Plausch mit Kolleginnen, Heißgetränke, Raucherpäuschen und Telefonate mit Familie und Freunden. Man kennt`s.



Über die Hälfte der Befragten gab daraufhin an, nur so den Arbeitstag überstehen zu können. Diese "kleinen" Pausen ermöglichen es ihnen, ihr Arbeitspensum am Tag zu schaffen. Wie repräsentativ diese Daten wirklich sind, bleibt an dieser Stelle offen. Aber Fakt ist – Hand aufs Herz – niemand arbeitet an einem Acht-Stunden-Tag ernsthaft acht Stunden. Ich weiß das. Du weißt das. Wir alle wissen das.


Woran liegt das?


Es bringt hier rein gar nichts, mit dem Finger auf die prokrastinierende Arbeitnehmerschaft zu zeigen. Die hohe Unproduktivität an langen Arbeitstagen ist nämlich oft auch Resultat einer dysfunktionalen Organisationsstruktur. Eine Studie von Asana*(2) zeigt:


  • 30 % der Zeit werden mit der doppelten Erledigung von Arbeit verbracht. Wie das sein kann? Ganz einfach: schlechte Kommunikation, schlechte Organisation.

  • Weiterhin sitzen wir alle etwa eine Stunde wöchentlich in ziemlich unnötigen Meetings.

  • In den meisten Unternehmen werden außerdem zu viele verschiedene Programme und Tools genutzt, deren Koordination Zeit frisst und uneffektiv macht.

  • Ein weiterer riesiger Leistungskiller: Steigende Arbeitslast. Das bedeutet: Mehr Aufgaben = weniger Produktivität.

  • Darüber hinaus fehlt es den meisten Unternehmen an Klarheit. Sieben von zehn Mitarbeiterinnen fühlen sich aufgrund mangelnder Klarheit und Transparenz im Unternehmen nicht 100-prozentig für das Erreichen ihrer Ziele ausgerüstet.

Wie sich die meisten außerdem wahrscheinlich denken können oder es selbst schon erfahren haben, verschlechtert sich mit steigender Arbeitszeit auch die Gesundheit, während die Krankentage und Besuche beim Arzt in die Höhe gehen*(3). Besonders Rückenschmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung sowie Schlafstörungen gehören zu den Symptomen*(4). Und wer permanent gestresst und überarbeitet ist, kann nicht 100 % geben.


Ist weniger mehr?


Bereits 2007 fand Hartmut Seifert einen Zusammenhang zwischen steigender Arbeitszeit und sinkender Leistung. In einer Studie*(5) verglich er die Arbeitsproduktivität von 20 Ländern, indem er deren durchschnittliche Wochen-Arbeitszeit der jeweiligen stündlichen Produktivität gegenüberstellte. Die Tendenz ist eindeutig: Länder, in denen die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche höher ist, sind bei der Arbeit weniger produktiv. Zum Beispiel wiesen die Bulgaren, bei denen eine durchschnittliche Arbeitswoche 40,7 Stunden lang ist, nur etwa ein Viertel der Produktivität der Franzosen auf, die in 36,2 Stunden fast viermal so viel leisteten.


Ist das also der Deal? Um für mehr bezahlt zu werden, als ich eigentlich leiste, muss ich einfach 8 Stunden meiner Lebenszeit gegen Geld eintauschen? Das scheint mir nicht sehr sinnvoll