Wertschätzung im Team: Es kommt darauf an
Ist Wertschätzung wichtig? Ist es wichtig, Anerkennung zu teilen? Und ist es dir selbst wichtig, Anerkennung zu bekommen? Um diese Fragen geht es in dieser Solofolge von Jörg im Podcast Wirksam führen. Seine Antwort macht er kurz. Es kommt darauf an. Und genau darin liegt für Führungskräfte eine wichtige Erkenntnis. Wertschätzung im Team wirkt bei jedem Menschen anders, weil das Bedürfnis danach sehr unterschiedlich ausgeprägt ist.
Wer davon ausgeht, dass alle Menschen gleich viel Anerkennung brauchen, liegt bei einem Teil des Teams daneben. Und wer sich selbst nicht kennt, überträgt seine eigene Haltung schnell auf alle anderen.
Das Motiv Anerkennung im Reiss Motivation Profile
In einer früheren Folge hat Jörg das Reiss Motivation Profile vorgestellt, ein Instrument der Persönlichkeitspsychologie, das eigene Motive und Bedürfnisse sichtbar macht. Mehr dazu hörst du in der Folge über deine Bedürfnisse im Führungsalltag. Eines der 16 Motive in diesem Profil ist Anerkennung.
Es gibt Menschen, denen Anerkennung total wichtig ist. Sie neigen vielleicht dazu, Kritik persönlich zu nehmen. Sie sind empfindsam gegenüber dem, was andere über sie sagen oder denken, oder sagen oder denken könnten. Oft fühlen sie sich unsicher und zweifeln schnell an sich.
An Tagen, an denen sie sich gut fühlen, zeigen sich diese Menschen und liefern Top-Leistung ab. An Tagen, an denen sie sich vielleicht wertlos fühlen, Angst vor Misserfolg oder vor Kritik haben, fahren sie ihre Leistung womöglich zurück. Richtig Leistung bringen sie dann, wenn die Führungskraft hinter ihnen steht, sie nicht für Fehler kritisiert und sie wertschätzt.
Genauso viele Menschen sind aus sich heraus total selbstsicher. Ihnen gelingt es, Rückschläge leicht wegzustecken. Sie sind offen für Kritik und sehen Rückmeldungen als Weg, um zu lernen und besser zu werden. Wie unterschiedlich Menschen auf Kritik reagieren und wie du damit umgehst, besprechen Arne und Jörg in der Folge über radikales Feedback.
Wo stehst du im Spektrum?
„Es kommt darauf an“ bedeutet am Ende eine Frage an dich. Auf welcher Seite des Spektrums stehst du? Ist dir Anerkennung wichtig oder eher nicht? Bist du eher unsicher oder eher selbstsicher? Wenn du eher zum unsicheren Typ gehörst, sind dir Anerkennung und Wertschätzung natürlich wichtig. Und wenn du Menschen begegnest, denen Anerkennung wichtig ist, dann ist sie für diese Menschen eben auch wichtig.
Für eine Person, der Anerkennung nicht wichtig ist, sieht das anders aus. Sie freut sich vielleicht über Wertschätzung, kann aber gar nicht so viel damit anfangen. Es ist schlicht kein Bedürfnis für sie.
Das erklärt, warum gut gemeintes Lob so unterschiedlich ankommt. Was die eine Kollegin durch den Tag trägt, nimmt der andere Kollege kaum wahr. Wer das weiß, verteilt Wertschätzung nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip und schaut genauer hin, wer was braucht.
Zwei Seiten einer Medaille
Jede Ausprägung hat zwei Seiten. Angenommen, dir ist Anerkennung nicht so wichtig. Dann bist du auf der einen Seite vielleicht selbstsicher und offen für Kritik. Auf der anderen Seite sind Menschen mit dieser Ausprägung oft eher unsensibel und sehr direkt in ihrer Kommunikation.
Menschen, denen Anerkennung und Wertschätzung wichtig sind, sind vielleicht unsicher, sensibel und empfindsam. Gleichzeitig sind sie oft sehr empathisch. Sie spüren, wenn es jemandem im Team nicht gut geht, wenn jemandem etwas fehlt oder wenn jemand Anerkennung braucht. Oft sind sie auch ein Stück weit perfektionistisch. Sie wollen Dinge richtig gut machen, weil sie sich keiner Kritik stellen wollen, und machen ihre Arbeit deshalb besonders gut. Wenn dir Perfektionismus selbst manchmal im Weg steht, hör dir die Folge Wenn dir Perfektionismus im Weg steht an.
Jede Ausprägung hat zwei Seiten einer Medaille. Wer sensibel auf Kritik reagiert, spürt oft auch besonders gut, was andere im Team brauchen.
Wenn Kritik dich nachts wach hält
Jörg fragt direkt nach. Wie ist es bei dir? Brauchst du Anerkennung und Wertschätzung von außen? Ist dir wichtig, was andere über dich sagen oder denken könnten? Lässt dich eine Kritik manchmal nachts wach liegen? Du denkst darüber nach, wie er oder sie das gemeint hat. Vielleicht mag sie mich nicht mehr. Vielleicht wird es doch nichts mit der Beförderung.
Viele Führungskräfte, mit denen Jörg das Reiss Motivation Profile bespricht und die ein hohes Bedürfnis nach Anerkennung haben, sagen ihm etwas sehr Ähnliches. „Jörg, wenn ich eins ändern könnte, ich wäre viel selbstsicherer und viel entspannter mit Kritik von außen.“
Jörg stellt dann eine Gegenfrage. Warum willst du diese Ausprägung bei dir abgeben? Schau doch mal auf die andere Seite der Medaille. Welchen Nutzen hast du davon? Was bringt sie dir? Oft sind es genau diese Menschen, die sehr empathisch sind, die Stimmung im Team gut wahrnehmen und Wertschätzung und Anerkennung teilen. Sie sind tendenziell perfektionistischer und machen ihre Sache richtig gut. Solche Menschen sind in jeder Gruppe und in jedem Team wichtig.
Die Frage ist unbequem, weil viele ihre Empfindsamkeit als Schwäche sehen. Jörg lädt dich ein, die eigene Ausprägung anzunehmen und ihren Nutzen zu erkennen.
Ein Team braucht beide Seiten
Für Jörg ist es das Schöne am Leben, dass jeder Mensch anders ist. Wären alle super sicher, direkt und könnten Kritik perfekt annehmen, wäre das vielleicht, etwas überspitzt gesagt, alles zu hart und zu kalt. Ein Team braucht auch die andere Seite.
Für dich als Führungskraft heißt das, Wertschätzung bewusst zu dosieren. Manche Menschen in deinem Team brauchen deutlich mehr davon, um gute Leistung zu bringen. Ihnen zeigst du deutlich, dass du hinter ihnen stehst, besonders wenn etwas schiefgegangen ist. Andere können mit viel Lob wenig anfangen, für sie reicht oft eine kurze, klare Rückmeldung. Wie du Wertschätzung so gibst, dass sie wirklich ankommt, hörst du in der Folge über zu wenig Anerkennung und Wertschätzung.
Was das für deinen Führungsalltag bedeutet
Am Ende der Folge beschreibt Jörg, welche Folgen das für deinen Führungsalltag hat. Er schlägt drei Schritte vor.
Erstens, finde heraus, wie du selbst über Anerkennung denkst. Ist sie dir wichtig, brauchst du sie, oder ist sie dir eher egal?
Zweitens, erkenne, dass es Menschen mit genau der gegensätzlichen Ausprägung gibt. Und überlege ehrlich, wie du über diese Menschen denkst. Jörg überspitzt es bewusst. Sagst du vielleicht „Der Stefan aus meinem Team will immer Anerkennung, der ist bedürftig“? Oder auf der anderen Seite „Der Marco ist manchmal so direkt und unsensibel, den mag ich gar nicht“?
Drittens, mach dir diese Gedanken bewusst und frag dich, ob diese bewusste oder unbewusste Voreingenommenheit dir in der Zusammenarbeit mit anderen im Weg steht. Wer einen Kollegen innerlich als bedürftig abstempelt, gibt ihm kaum die Rückmeldung, die er braucht. Und wer jemanden als unsensibel abschreibt, übersieht vielleicht seine Klarheit. Wie eine gute Feedbackkultur entsteht, in der beide Seiten Platz haben, hörst du in der Folge Missverständnis Feedbackkultur.
Gerade bei Menschen mit hohem Bedürfnis nach Anerkennung brauchen kritische Rückmeldungen Fingerspitzengefühl. Solche schwierigen Gespräche kannst du vorher durchspielen, damit deine Klarheit ankommt, ohne dass sich dein Gegenüber abgewertet fühlt.
Jörg lädt dich ein, dein eigenes Reiss Motivation Profile kennenzulernen und es für dich sichtbar und nutzbar zu machen. Das geht gut im Rahmen eines Coachings. Wenn du an dem Zusammenhang zwischen deinem Selbstbild und deinem Verhalten als Führungskraft arbeiten willst, ist das Leadership Training REFLECT der passende Rahmen. Feedbackgespräche mit ganz unterschiedlichen Typen kannst du im DialogLab üben. Und wenn ihr als Unternehmen eine Kultur entwickeln wollt, in der Wertschätzung und Klarheit nebeneinander Platz haben, setzt eine Führungskräfteentwicklung im Unternehmen dort an, gern verbunden mit einem gemeinsamen Führungstraining.

