Verantwortung übernehmen: Was Chinesen anders machen
Vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Dann ist plötzlich alles zusammengebrochen, der Körper, die Beziehung, der Job. So klingen viele Menschen, wenn sie zum ersten Mal in einer der Kliniken von Fritjof Nelting anrufen. Die Welt hat sich gegen mich verschworen. Wie anders Menschen mit Verantwortung umgehen können, beobachtet Fritjof seit Jahren in China.
Fritjof ist Unternehmer und betreibt mit seiner Familie seit über 20 Jahren eine Gruppe psychosomatischer Kliniken in Nordrhein-Westfalen, die westliche Psychosomatik mit traditioneller chinesischer Medizin verbindet. Rund 20.000 bis 25.000 Patienten wurden dort stationär behandelt. Seine Familie ist seit Generationen mit China verbunden. Seine Ururgroßeltern wanderten 1898 und 1899 nach China aus, in Shanghai steht noch das Haus seiner Urgroßeltern, seine Oma wurde dort geboren. Er ist mit einer Chinesin verheiratet, zu Hause wird fast nur Chinesisch gesprochen, und in China ist er als Gesundheits-Influencer unterwegs. Mit dem Skispringer Sven Hannawald gründete er vor Corona eine Firma, die Olympiasieger und Weltmeister als Speaker nach China brachte.
In dieser Sonderfolge der China-Reihe im Podcast Wirksam führen fragt Arne ihn, was deutsche Unternehmer und Führungskräfte von der chinesischen Haltung lernen können. Den Auftakt der Reihe machte die Folge Was wir von China lernen können.
Symptome wegmachen oder regulieren
Fritjof beschreibt zwei Denkmodelle. Die westliche Medizin ist stark, wenn wirklich etwas kaputt ist, etwa bei einem komplizierten Bruch. Bei Erkrankungen, die sich über Jahre durch Bewegung, Ernährung, Schlaf oder ein belastendes Umfeld entwickeln, werden Symptome dagegen oft unterdrückt. Der Kopfschmerz soll weg, der Blutdruck runter.
Die traditionelle chinesische Medizin denkt in Regelkreisen. Fritjof vergleicht das mit dem Gehen. Setzt du das linke Bein nach vorn, bist du kurz aus dem Gleichgewicht, der rechte Fuß stellt es wieder her. Ein Zuviel hier und ein Zuwenig dort gelten als normal. Daraus folgt ein hoher Anteil an Selbstverantwortung. Du passt dein Leben so an, dass die Regulation wieder gelingt, und das Ganze ist weniger von Angst geprägt. Gesund zu leben hängt dann weniger am Geld oder am besten Arzt als an dem, was du selbst regulieren kannst.
Das Gefühl von Kontrolle verändert Entscheidungen
Arne greift den Gedanken auf. Wer sich verantwortlich fühlt, bekommt Macht über die eigene Situation. Wer sagt, mir ist das alles passiert, steht auf einem Opferstandpunkt und fühlt sich ohnmächtig.
Fritjof erlebt das Gefühl, selbst für Lösungen zuständig zu sein, bei vielen Chinesen als stark ausgeprägt. Daraus sei der chinesische Pragmatismus entstanden. Anspruchsdenken, also die Haltung, der Staat oder der Arbeitgeber müsse für etwas sorgen, begegnet ihm dort seltener. Steigen die Preise, trifft das Chinesen genauso, sie gehen nur anders damit um. In manchen Bereichen greife selbst das Patentrecht kaum, sagt er. Firmen behaupten sich dann über Tempo und darüber, ein Produkt noch etwas besser zu machen.
Spannend ist sein Hinweis auf den Körper. Schon das Gefühl von Kontrolle bringt nach seiner Darstellung die Vitalwerte wieder in den Normalbereich. Die Gewissheit, ich kann links- oder rechtsherum gehen, reicht oft aus. Volle Kontrolle hat ohnehin niemand. In dieser Ruhe triffst du bessere und klügere Entscheidungen.
Für Arne ist das ein Kernthema. In den Führungstrainings von MINDSET MOVERS, etwa im Leadership Training REFLECT, geht es genau darum, dass Verantwortung für das eigene Leben zuerst eine Entscheidung ist. Ob sie richtig oder falsch ist, spielt keine Rolle. Sie ermöglicht andere Ergebnisse. Andere können ohnehin keine Verantwortung für dich übernehmen. Wo die Verantwortung einer Führungskraft endet, wenn psychische Themen ins Spiel kommen, besprechen Arne und Jörg in der Folge über Führungsverantwortung und Selbstverantwortung.
Fritjof ergänzt eine wichtige Einschränkung. Ein anderes Mindset bedeutet nicht automatisch, dass es den Menschen gut geht. Der Druck in China ist enorm, die Geschwindigkeit teils unmenschlich. Man vergeudet nur weniger Zeit damit, anderen die Schuld zu geben.
Nur wer Kraft hat, kann sich verändern.
Veränderung braucht zuerst Energie
Ist diese Haltung erlernbar? Arne ist überzeugt davon. Fritjof stimmt zu und bringt einen Satz der Traumatherapeutin Luise Reddemann ins Spiel, nur wer Kraft hat, kann trauern. Trauern lässt sich für ihn durch verändern oder entscheiden ersetzen. In jeder Entscheidung steckt ein kleiner Abschied von den Wegen, die du nicht gehst. Fehlt dem Körper die Kraft, verhindert er das.
Selbst Zynismus sieht er zunächst als Schutz. Er hält das eigene Weltbild aufrecht, damit du nicht bei dir selbst suchen musst. Wer Menschen in Veränderung bringen will, muss deshalb erst anerkennen, dass es ohne Energie nicht geht. Sonst scheitern sie immer wieder und erleben mehr Scham und Schuld.
Sein Gegenmittel ist Würdigung. Ein Satz wie „Wahnsinn, dass du das unter diesen Umständen bis hierhin geschafft hast“ lässt Menschen durchatmen. Im Ruhemodus steht dem Körper nach Fritjofs Darstellung ein Vielfaches an Energie zur Verfügung. Erst in dieser Ruhe kommt die Kraft zurück, etwas zu verändern. Wie so ein würdigender Satz im Gespräch mit einem erschöpften Mitarbeiter klingt, kannst du im Gesprächstraining ausprobieren. Das chinesische Wort für Krise enthält übrigens auch die Chance. Für jeden Veränderungsprozess im Unternehmen ist das ein lohnender Gedanke. Wer sein Team durch eine schwierige Phase führt, sollte zuerst fragen, wie viel Kraft gerade da ist.
Innovation, Robotik und neues Selbstbewusstsein
Fritjof ist Fachsprecher für Gesundheit in der Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsvereinigung. Kliniken in China betreibt er nicht, obwohl der Bedarf riesig ist. Psychosomatik im deutschen Sinn ist dort kaum etabliert, und Qualitätsstandards für Psychologen sind nicht einheitlich. Er beobachtet seit einigen Jahren ein neues Selbstbewusstsein im Land. Lange habe die Haltung gegolten, durchhalten, ruhig bleiben, eure Zeit kommt. Heute treten Chinesen deutlich stolzer auf, und daraus ist eine enorme Kraft entstanden.
Die größte Stärke sieht er im freien Denken, das Bereiche verbindet. Ein Auto ist dort Fahrzeug, Unterhaltungszentrum und fast schon Wohnraum. In Shenzhen fahren autonome Taxis mitten in der Stadt, weil die Daten dort gesammelt werden, wo sie entstehen. Europa sei dagegen oft so vorsichtig, dass es sich selbst blockiere. Er erinnert an eine Aussage vom Weltwirtschaftsforum, nach der ein Großteil der Jobs heutiger Kinder noch gar nicht erdacht ist. Wie weit Robotik und KI dort schon sind, hörst du in der Folge Humanoide Roboter und KI.
Gleichzeitig zeigt er die Schattenseiten. Es gibt eine App mit über hundert Millionen Downloads, die Notfallkontakte informiert, wenn du dich nicht regelmäßig meldest, weil Vereinsamung für viele Alltag ist. Die Geburtenrate sinkt weiter. Gerade deshalb erwartet er aus China Lösungen in der Robotik, die auch Deutschland brauchen wird, etwa um Pflegekräfte zu entlasten.
Respekt statt Moralkeule
Was es für eine gute Zusammenarbeit braucht, beantwortet Fritjof klar. Weniger moralische Belehrung, mehr Verständnis dafür, wie Menschen denken. Er wünscht sich weniger gut Englisch sprechende chinesische Gründer auf deutschen Bühnen und mehr Deutsche, die Chinesisch sprechen und vor Ort gelernt haben. Chinesisch sollte an Schulen eine größere Rolle spielen, und das Auslandsjahr dürfte auch mal nach China führen. Er selbst begann mit 15. Mit etwa 20 lebte er ein halbes Jahr in Qingdao und stieg immer wieder ins Taxi, nannte den chinesischen Namen eines Supermarkts und schaute, wo er landete, bis die Fahrer ihn verstanden. Chinesisch habe kaum Grammatik, schwierig sei vor allem das Hören und die Aussprache.
Umgekehrt erleben viele Chinesen in Europa auch Ernüchterung. Abends um elf liefert niemand mehr, und die sprichwörtlich pünktliche Deutsche Bahn entpuppt sich als altes Bild. Fritjofs Vision für die nächsten 20 Jahre ist ein großes Austauschprogramm zwischen EU und China, auch für Schüler. Die alten Chinesen sagten schon, die Weisen suchen die Gemeinsamkeiten. Wie andere Unternehmer China erleben, hörst du in der Folge Inspiration China mit Sven Rittau.
Wenn du für dich klären willst, wo du gerade auf dem Opferstandpunkt stehst, kann ein Coaching helfen. Gespräche, in denen du Verantwortung ohne Vorwurf ansprichst, übst du im DialogLab. Und wie du als Führungskraft dauerhaft vom Opfer zum Gestalter wirst, ist der Kern im Führungstraining von MINDSET MOVERS.

