Von China lernen: Was deutsche Unternehmer über Tempo und Pragmatismus erfahren können
„We need China Speed, not German Speed.“ Diesen Satz hat Dr. Sven Wilhelm in den letzten Jahren öfter gehört, wenn chinesische Geschäftspartner mit deutschen Unternehmen sprechen. Darin schwingt ein Vorwurf mit. Und gleichzeitig viel Respekt für das, was deutsche Unternehmen können. Was wir als Unternehmer und Führungskräfte von China lernen können, ist die Leitfrage dieses Gesprächs.
Mit dieser Folge startet Arne eine Reihe von China Sonderfolgen im Podcast Wirksam führen. Am 12. Mai reist er für zehn Tage nach Shenzhen, Guangzhou und Shanghai, trifft Unternehmer und schaut sich technologische Entwicklungen wie humanoide Roboter an. Vorher spricht er jeden Dienstag mit Menschen, die China aus eigener Erfahrung kennen. Seine Hypothese lautet, dass Innovation und Transformation fast nie an fehlender Kompetenz scheitern. Kompetente Menschen gibt es in Deutschland genug. Meist geht es um Mindset und Haltung.
Zwanzig Jahre China aus Unternehmersicht
Sven und Arne haben 2007 und 2008 gemeinsam mit Nils die Firma Textprovider gegründet. Heute ist Sven Unternehmer und berät und coacht andere Unternehmer. Nach China kam er zuerst 2003 als Werkstudent für einen deutschen Maschinenbauer in Shanghai. Ab 2016 führte er als einer von drei Geschäftsführern einen Mittelständler aus Wuppertal mit rund 200 Millionen Euro Umsatz und Produktionsstandorten in China. Bis 2019 war er alle paar Monate dort. Aktuell begleitet er einen deutschen Unternehmer im Lebensmittelhandel mit einem rein chinesischen Team in Shanghai. Für dieses Unternehmen war China lange ein Importmarkt. Jetzt gewinnt der Export aus China in die EU, die USA und nach Südamerika massiv an Bedeutung. Als Halbkoreaner findet Sven sich nach eigener Aussage gut in die Kultur ein.
Was sich verändert hat, sieht er sofort. Vor zwanzig Jahren war die Luft in Shanghai extrem schlecht. Bei seinem Besuch Anfang März erlebte er eine saubere, leise und grüne Stadt voller Elektroautos. Die Lebensqualität in den großen Städten hat sich massiv verbessert.
In Shanghai kommst du mit Englisch durch, und das Niveau ist deutlich gestiegen. Trotzdem hält Sven Grundkenntnisse in Chinesisch für sehr wichtig. Für viele Chinesen ist das eine Frage der Wertschätzung. Sagen würde dir das niemand direkt, aber das Klima im Gespräch verändert sich spürbar, wenn du die Sprache ein wenig beherrschst. Beziehungen entstehen dort viel impliziter als bei uns. Arne nimmt sich vor, vor der Reise zumindest ein paar Floskeln für Begrüßung, Danke und Bitte zu lernen.
China Speed: Woher die Geschwindigkeit kommt
Ist das chinesische Tempo auf deutsche Unternehmen übertragbar? Sven meint, nur bedingt. Als er 2016 als Geschäftsführer nach China kam, wurde von ihm sofort erwartet, dass er als Chef entscheidet und durchaus autoritär auftritt. Viele Chinesen haben inzwischen im Ausland studiert und bringen partizipative Ansätze mit. In den Unternehmen, die Sven kennt, ist das verbreitete Modell aber nach wie vor ein starker Unternehmer an der Spitze, der entscheidet und das Risiko trägt.
Arne fragt nach, ob Hierarchie die Ursache für Tempo ist. Auch Start ups mit zwei, drei Gründern sind schnell, weil dort wenige Menschen entscheiden. Sven sieht keinen direkten Zusammenhang. Entscheidend ist für ihn, dass Entscheidungen getroffen werden. Die Abstimmungsschleifen davor sind schlank, und dann läuft die ganze Organisation in eine Richtung. Das kann auch mal die falsche sein. Trial and Error gehört dazu. An klaren Entscheidungen im eigenen Verantwortungsbereich arbeiten Führungskräfte auch in unserem Leadership Training. Wer eine klare Entscheidung im eigenen Team vertreten muss, kann das Gespräch vorher im Gesprächstraining durchspielen.
Sven empfiehlt außerdem, den aktuellen Fünfjahresplan der chinesischen Regierung zu lesen. Er zeigt, wo das Land Schwerpunkte setzt. Wer die Pläne der letzten zwanzig, fünfundzwanzig Jahre nebeneinanderlegt, sieht, dass China diesen Weg ziemlich geradlinig gegangen ist. Es gibt dabei auch Verlierer. Für Partner bietet das trotzdem Orientierung. Arne sieht darin vor allem Planungssicherheit, die Investitionen weniger riskant macht. Planwirtschaft klingt bei uns negativ, ein Fünfjahresplan lässt sich aber auch als Prognose lesen, an der du dich unternehmerisch ausrichten kannst. Im neuesten Plan steht technologische Unabhängigkeit ganz oben, verbunden mit dem Bekenntnis zum freien Handel.
Pragmatismus und Lernwille als Wettbewerbsvorteil
Chinesische Unternehmer erlebt Sven als extrem pragmatisch und unideologisch. Mit vertrauenswürdigen Partnern gehen sie Risiken ein, und sie suchen den Austausch mit Europa. Arne ergänzt, dass China aktuell Deutschlands größter Handelspartner ist, noch vor den USA. Gefeiert wird das kaum. Unternehmer aus seinem Umfeld, die viel nach China reisen, sagen ihm, dass Deutschland dort noch einen tollen Ruf hat, aber zum Teil von seiner Geschichte lebt.
Dazu kommt ein enormer Lernwille. Kopieren und besser machen ist dort positiv besetzt. Arne erinnert daran, wie in Deutschland früher über die Samwers als Copycats gelästert wurde, als wäre gute Umsetzung einfach. Wie weit das führt, zeigt die Autobranche. Sven war überrascht, wie viele gute chinesische Marken im Bereich Elektromobilität es gibt, die in Europa noch kaum jemand kennt. Im Maschinenbau sind manche Maschinen vielleicht nur zu 90 Prozent so gut wie deutsche, kosten aber ein Drittel. Ambition, Strategie, Pragmatismus und Lernwille ergeben zusammen eine starke Kombination. Sven verschweigt dabei die Probleme nicht, etwa den Immobilienmarkt und Überkapazitäten in vielen Branchen. Wie andere Unternehmer diesen Pragmatismus vor Ort erlebt haben, hörst du in der Folge Inspiration China mit Sven Rittau.
Fehler machen alle, entscheidend ist die Verantwortung
Arne kennt aus Unternehmen, die mehr Fehlerkultur wollen, vor allem eines. Menschen haben Angst, sich mit einem Fehler die Karriere zu verbauen, und sichern sich lieber ab. Wie passt das zu hierarchischer Führung in China? Sven sagt, dort werden genauso Fehler gemacht. Die Verantwortung liegt aber bei der Person, die entschieden hat. Wer die Richtung vorgibt, trägt sie. Dazu kommt die Gewissheit vieler gut qualifizierter Fachkräfte in den Küstenregionen, schnell einen neuen Job zu finden, auch wenn der Arbeitsmarkt dort schwieriger geworden ist. Wie Verantwortung in China gelebt wird, vertieft die Folge Wie Chinesen mit Verantwortung umgehen. Was echte Fehlerkultur in deutschen Teams ausmacht, besprechen Arne und Jörg in der Folge zur Fehlerkultur. Wenn du selbst mutiger entscheiden willst, kann ein Coaching dir helfen, deine eigenen Absicherungsmuster zu erkennen.
Vertrauen und Augenhöhe in der Zusammenarbeit mit China
Was sollte Arne wissen, bevor er landet? Svens Antwort ist Wertschätzung und Augenhöhe. Lange wurde China in Deutschland vor allem als verlängerte Werkbank und Absatzmarkt gesehen. Die Menschen dort sind zu Recht stolz auf die Entwicklung der letzten 30 bis 40 Jahre. Setz dich bei einem guten Abendessen an den Tisch, stell viele Fragen und hör zu.
Als Geschäftsführer machte es Sven manchmal verrückt, wenn nach einem Treffen kein Ergebnis auf dem Tisch lag. Zwei Wochen später, beim nächsten Gespräch, gab es dafür schon eine ganz andere Basis. Arne kennt das Prinzip aus Büchern unter dem Begriff Guanxi. Erst lernt man sich kennen, dann macht man Geschäfte. Wer einen vertrauensvollen Partner gefunden hat, erlebt ihn als loyal. Auch das Gesicht wahren gehört dazu, also keine direkte Kritik im Gespräch. Wie du ein erstes Gespräch führst, in dem du vor allem fragst und zuhörst, kannst du vorher im DialogLab üben.
Was Europa chinesischen Unternehmen bieten kann
Für viele chinesische Firmen ist Europa noch ein unerschlossener Markt. Der heimische Markt ist in manchen Branchen gesättigt, also wenden sie sich nach außen. Oft fehlen ihnen aber Zertifizierungen und das Wissen um europäische Spielregeln. Gleichzeitig schätzt China deutsche Innovationskraft nach wie vor. Daraus können Partnerschaften entstehen, etwa in der Fertigung oder beim Einkauf von Teilen, und seine Interessen kann man dabei schützen. Wie Jörg das als Unternehmer erlebt hat, hörst du in der Folge In China produzieren und verkaufen.
Sven ist Optimist. Er hofft, dass man in zwanzig Jahren auf diese Zeit zurückblickt als die Jahre, in denen die Partnerschaft mit China ein neues Fundament bekam, mit echter Augenhöhe und weniger Moralisieren auf beiden Seiten. In Shanghai leben seit Covid nur noch wenige Ausländer. Für Unternehmer, die jetzt hinfliegen und sich selbst ein Bild machen, sieht er darin große Chancen.
Wir brauchen Mut, Entscheidungen zu treffen, auch wenn mal etwas schiefgeht.
Arne nimmt aus dem Gespräch vor allem Mut mit. Mut zu entscheiden, Mut zum Risiko und den Pragmatismus, dass manchmal 80 Prozent reichen und keine ausgefeilte 120 Prozent Lösung nötig ist. Spannend findet er auch, dass Hierarchie und Augenhöhe zusammen funktionieren können. Wie du diesen Mut als Führungskraft trainierst, erlebst du im Führungstraining REFLECT. Wenn du dich vorher mit anderen Führungskräften austauschen willst, schau in unsere kostenlosen Webinare.

