Chinesisches Unternehmer Mindset aus erster Hand
Thomas Derksen lebt seit 2016 in Shanghai, spricht fließend Chinesisch und war unter dem Namen afu jahrelang auf chinesischen Plattformen bekannt. Heute ist er Unternehmer, betreibt Asia Bits und den deutschsprachigen Podcast Made in China. In der dritten China Sonderfolge vom Podcast Wirksam führen spricht Arne mit ihm über humanoide Roboter, Shenzhen und das, was unternehmerisches Denken in China ausmacht. Für Arne ist das Gespräch auch Vorbereitung auf seine eigene Reise nach China.
Vom Bankkaufmann zum Influencer und zurück ins Business
Angefangen hat alles mit einer Chinesisch AG am Gymnasium und einer Klassenfahrt 2007. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann merkte Thomas, dass er nicht sein Leben lang Bausparverträge verkaufen will. Er studierte Wirtschaft und Politik Ostasiens und Chinesisch in Bochum und Shanghai und zog 2016 ganz nach China. Eigentlich wollte er eine Beratungsagentur aufbauen. Dann ging ein Video viral, in dem er als Deutscher im Shanghaier Dialekt vom Leben in einer chinesischen Familie erzählte.
Daraus wurden viele Jahre als Influencer. Zu Hochzeiten bespielte er mit seinem Team rund 21 Plattformen mit zusammen über zehn Millionen Followern. Irgendwann war das Spiel für ihn durchgespielt. Storytelling, Hooks, Bilder, alles lief ohne Anstrengung. Mit Mitte 30 wollte er sich neu erfinden und eine andere Zielgruppe erreichen. Workshops und Keynotes für Unternehmen hatte er ohnehin schon gegeben. Heute liegt sein Fokus auf B2B, auf Market Intelligence und auf Robotik.
Was ihn bis heute an Shanghai begeistert, ist neben dem Tempo der praktische Alltag. Eine Regenjacke in seiner Größe ist in 30 Minuten geliefert. Freundinnen aus Europa erzählen ihm, dass sie in der 25 Millionen Stadt nachts um drei ohne Angst unterwegs sind. Thomas ist überzeugt, dass wir in einem asiatischen Jahrhundert leben.
Humanoide Roboter und warum Shenzhen das Zentrum ist
Shenzhen in Südchina beschreibt Thomas als Herz der Hardware und Robotik. Bestimmte Bauteile für Roboter werden nur dort produziert. Mit Asia Bits erzählt er die Geschichten von Gründerinnen und Gründern, die dort Hardware bauen, und arbeitet mit seinem Team daran, chinesische Roboter nach Deutschland zu bringen. Bei Unitree, wo er regelmäßig ist, kommen nach seinen Worten seit dem Besuch des Kanzlers über tausend Besucher am Tag.
Ein Muster hat ihm ein Podcastgast so beschrieben. Im Silicon Valley wird Geld eingesammelt, in Shenzhen produziert und an die Welt verkauft. Ein Ingenieur in Shenzhen kann morgens eine Idee für einen Prototypen haben, zum Zulieferer fahren und abends den fertigen Prototyp in der Hand halten, solange es nichts sehr Kompliziertes ist. Kapital, Entwicklungszentren und Lieferkette liegen in einem Umkreis von 100 bis 150 Kilometern. In Europa wartest du auf dieselben Teile oft zwei, drei Monate. Die schiere Zahl gut ausgebildeter Ingenieure war schon für Apple ein Grund, in China so schnell zu werden. Wie es praktisch aussieht, in China zu produzieren und zu verkaufen, ist Thema einer eigenen Folge.
Dazu kommt die Erreichbarkeit. Thomas spricht offen über das Arbeitsmodell 996, von neun bis neun an sechs Tagen pro Woche, und sagt klar, dass das für die Betroffenen nicht einfach ist. Fakt sei aber, dass seine Geschäftspartner auch um 19 Uhr auf eine Nachricht antworten.
Guanxi, Krise und Chance
Das wichtigste Wort im chinesischen Geschäftsleben ist für Thomas Guanxi, also Verbindungen. Wer einem Unternehmen wie Unitree einfach eine E-Mail schreibt, bekommt meist keine Antwort. Wer über das richtige Netzwerk kommt und die passenden Leute mitbringt, bekommt auch die passenden Gesprächspartner. Das erste Gespräch mit einem Partner, der dir Türen öffnen soll, kannst du vorher im Gesprächstraining durchspielen.
Wie abhängig Deutschland von China ist, unterschätzen viele. Thomas nennt seltene Erden, bei denen China auf rund 95 Prozent kommt, Bestandteile für Medikamente und sogar Tomaten, Erdbeeren und Klaviere. Eine Entkopplung hält er für illusorisch.
Auf Arnes Frage nach dem chinesischen Gründergeist antwortet Thomas mit Erfahrungen aus seinem Umfeld. Er selbst ist in einer russlanddeutschen Familie aufgewachsen und hat das Gefühl, China sei heute kapitalistischer als die USA. Die Menschen dort seien mit ausgeprägtem Geschäftssinn und Risikobewusstsein ausgestattet. Ein Grund ist der Sozialstaat, der sich noch im Aufbau befindet. Wer gute medizinische Versorgung will und als Einzelkind für die Eltern sorgt, sucht ständig nach Geschäftsmöglichkeiten. Als Beispiel nennt er chinesische Studenten in Deutschland, die während eines Milchpulverskandals in China aus Drogerieeinkäufen Logistikunternehmen aufgebaut haben. Das chinesische Wort für Krise, erklärt er, besteht aus den Zeichen für Gefahr und Chance. Gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit fördern Lokalregierungen inzwischen Ein Personen Unternehmen mit KI Teams, mit kostenlosem Büro und Startkapital. Wie Menschen in China mit Verantwortung umgehen, vertieft eine weitere Folge.
Jedes Ergebnis ist die Folge einer Absicht.
Ergebnisse folgen aus Absicht, auch für ein ganzes Land
Thomas empfiehlt das Buch „Die Welt nach dem Westen“ eines deutschen Professors, der in Hongkong lehrt. Dessen These lautet, Chinas größte Stärke sei eine Regierung mit einem genauen Bild davon, wie das Land 2050 aussehen soll. Europas größte Schwäche sei, dass es so ein Bild nicht gibt.
Arne knüpft daran mit einem Gedanken an, den er immer wieder vertritt. Ergebnisse sind eine Folge von Absicht. Zufall spielt manchmal mit, Fleiß auch, als verlässliche Ursache taugen beide nicht. Alles, was Menschen erschaffen haben, vom Buch bis zur Verfassung, war beabsichtigt. Wer das verstanden hat, für den ist es fahrlässig, ohne Plan zu handeln. Diesen Grundsatz vermittelt Arne in seinen Trainings, auch im Leadership Training REFLECT.
In China sieht Arne das in den Fünfjahresplänen. Die enthalten konkrete Zahlen, etwa zur Wasserqualität, zu sauberen Seen oder zur technologischen Unabhängigkeit bei Chips. Liest man ältere Pläne, wirken sie im Rückblick fast wie Vorhersagen. Thomas ergänzt ein Beispiel. Vor rund 25 Jahren stand im Plan das Ziel, Nummer eins im Export von Werkzeugmaschinen zu werden, damals völlig utopisch. Im vergangenen Jahr hat China Deutschland von diesem Platz verdrängt. Arne zitiert eine Studie, nach der China in 37 von 44 Schlüsseltechnologien führt.
Planung schafft Sicherheit für Investoren und Unternehmer. Arne erzählt von eigenen kleinen Investments in nachhaltige Energieunternehmen, die sich nach einem Regierungswechsel plötzlich ganz anders anfühlten. Ohne Planungssicherheit über eine Legislatur hinaus fragen sich Menschen, wo ihr Geld besser aufgehoben ist.
Was deutsche Unternehmer und Führungskräfte daraus lernen
Arnes Hypothese für seine Reise lautet, dass es in Deutschland nicht an Kompetenz fehlt. Für Innovation, Transformation und Geschwindigkeit braucht es aus seiner Sicht vor allem eine andere Haltung. Thomas sieht die klugen Köpfe ebenfalls in Deutschland. Die größeren Hebel liegen für ihn bei Steuererleichterungen für Start-ups, bei mehr Geld für Naturwissenschaften und Ingenieurwesen und bei Clustern, in denen Universitäten, Unternehmen und Start-ups zusammenarbeiten. Als Beispiel nennt er die RWTH Aachen.
Bewunderung hat Thomas für David Reger von Neura Robotics. Der habe gesagt, Deutschland sei einer der schwierigsten Standorte für ein Robotikunternehmen, und baue trotzdem hier ein Weltunternehmen auf. Thomas selbst würde das nicht machen. Arne empfiehlt die OMR Podcastfolge mit Reger als inspirierende Geschichte über große Ambition.
Auch die Verwaltung arbeitet in China mit Zielen. Beamte haben KPIs, ob für Steuereinnahmen, ausländische Investitionen oder volle Industriegebiete. Befreundete Unternehmer bekommen in Guangdong für eine neue Produktionshalle nach Thomas’ Erfahrung innerhalb von fünf Tagen einen fertigen Plan samt Genehmigungen.
Arne bleibt zuversichtlich. Die Grundvoraussetzungen in Deutschland sind gut, mit starken Universitäten und vielen Unternehmen. Er will mit solchen Gesprächen dazu einladen, über den Tellerrand zu schauen. Für die Reise gibt Thomas noch einen praktischen Hinweis. Mit Englisch kommst du in internationalen Kreisen gut durch, auf der Straße eher selten. Übersetzungen per KI auf dem Handy funktionieren inzwischen erstaunlich gut. Und wer Chinesisch spricht, erlebt, wie das Gegenüber im Gespräch spürbar aufatmet. Weitere Perspektiven aus dem Land findest du in der Folge Was wir von China lernen können und in Inspiration China mit Sven Rittau.
Absichtsvoll führen lässt sich lernen. Bei MINDSET MOVERS ist das der Kern im Führungstraining REFLECT. Gespräche, in denen du deine Absicht klar machst, übst du im DialogLab, und wer lieber live dabei ist, meldet sich zu einem der kostenlosen Webinare an.

