Dauerstress als Führungskraft: Warum der meiste Stress im Kopf entsteht
Viele Führungskräfte stehen immer wieder oder dauerhaft unter Stress. In dieser Folge vom Podcast Wirksam führen sprechen Arne und Jörg über Resilienz, also darüber, wie du als Führungskraft mental gesund und emotional im Gleichgewicht bleibst. Arne startet mit einer kühnen These. Die meisten Dinge, die uns im Berufsalltag Stress bereiten, sind gar keine echten Bedrohungen. Vieles davon ist Kopfkino. Und wenn das so ist, hast du über deine Gedanken großen Einfluss darauf, wie viel Stress überhaupt entsteht.
Stress ist ein Businesswort für Angst
Jörg erinnert an den Säbelzahntiger. Wer vor zigtausend Jahren gejagt wurde, hatte allen Grund für Stress, es ging um Leben und Tod. Heute geht es fast nie darum. Arne ergänzt, Stress sei im Grunde ein Businesswort für Angst oder Befürchtung. Er entsteht aus der Sorge, etwas nicht zu schaffen und dann vor dem Kunden oder dem Chef dumm dazustehen.
Oft denken wir dabei in Szenarioketten. Wenn ich das nicht anständig mache, kündigt der Kunde, dann verliere ich meinen Job, finde keinen neuen und lande unter der Brücke, genau wie meine Eltern es schon zu Gymnasialzeiten prophezeit haben. Angst hat einen Zweck. Sie macht uns auf eine Situation aufmerksam. Nach der Flucht vor dem Tiger hätten wir uns geschüttelt und wären wieder in Sicherheit gewesen. Beim Stress im Kopf kommen wir nie dort an. Nachrichten wirken bedrohlich, Deadlines ticken, jemand beurteilt uns. Für das Nervensystem macht das keinen Unterschied. Wie du unter Dauerdruck handlungsfähig bleibst, vertiefen die beiden auch in der Folge über Resilienz als Führungskraft.
Was macht dir eigentlich Stress?
„Das Projekt macht mir Stress.“ „Der Mitarbeiter macht mir Stress.“ Jörg fragt, ob irgendetwas dir wirklich Stress machen kann. Arnes Antwort ist klar. Du machst dir den Stress selbst, etwa weil du nicht weißt, wie du mit diesem Mitarbeiter das Projektziel erreichst, und dir eine Konsequenz ausmalst. Würde das Projekt den Stress verursachen, müsste es bei allen Menschen Stress auslösen, sagt Jörg. In der Haltung, dass dir etwas Stress macht, fühlst du dich machtlos.
Arne schlägt eine erste Frage vor, wenn du merkst, wie sich die Brust verengt oder der Nacken verspannt. Wovor habe ich eigentlich Angst? Was befürchte ich? Und ist es realistisch, dass das eintritt? Seine Erfahrung ist, dass die allermeisten Chefs und Kunden Menschen sind, mit denen man reden kann. Niemand kündigt sofort die Zusammenarbeit, weil eine Deadline gerissen wird.
Du kannst dir deine Befürchtungskette mit Stift und Papier aufschreiben. In Seminaren landen Teilnehmende dabei oft unter der Brücke oder am Ende ihrer Karriere. In dieser Kausalität trifft das fast nie zu. Das unangenehme Gespräch bleibt vielleicht trotzdem. Wenn du am Mittwoch weißt, dass du es bis Freitag nicht schaffst, ruf den Kunden noch am Mittwoch an und frag, ob Montagvormittag auch in Ordnung ist. So eine Nachricht kannst du im DialogLab vorher üben.
Wozu machst du dir Stress?
Arne kennt das Engegefühl in der Brust gut. Schon in der Schule, an der Fachhochschule, in seinen Jobs und als Unternehmer war er lange der Typ für den letzten Drücker. Der Stress gab ihm Antrieb. Eine Zeit lang hat er daraus geschlossen, dass er nur unter Stress gut funktioniert. Der Umkehrschluss wäre, ohne Stress nie produktiv zu sein, und das stimmt nicht. Heute produziert er auch in Entspanntheit Ergebnisse, auch wenn er noch manchmal in alte Muster fällt.
Seine Frage an dich lautet deshalb, wozu du dir Stress machst. Oft steckt ein Benefit dahinter. Wer gestresst wirkt, wird nicht gefragt, ob er noch eine Aufgabe übernimmt. Jörg erzählt, dass es ihm lange nur unter Stress leicht fiel, seine Grenzen klar zu benennen. Arne bringt es auf den Punkt. Dann brauchst du Stress für Klarheit. Auch als Statussymbol taucht Stress auf, bei Karrieremenschen und Unternehmertypen, die von Termin zu Termin hetzen und im Meeting noch schnell eine Mail schreiben. Solange dir der Benefit nicht bewusst ist, wirst du den Stress kaum los.
Und wenn es wirklich ernst wird, mit der Gesundheit, der Familie, einer drohenden Insolvenz oder einer möglichen Kündigung? Arne rät, sich zu fragen, was du dann alles tun kannst. Meist fallen Menschen noch viele Optionen ein. Jörg ergänzt, dass es manchmal sogar eine Entlastung ist. Arne hat erlebt, dass Menschen, die sich verzweifelt an einen Job geklammert hatten, nach einer Kündigung erleichtert waren, weil sie in der Rolle unglücklich waren.
Gefühle folgen Bewertungen
Viele glauben, bestimmte Situationen lösen bei allen dieselben Gefühle aus. Arne zeigt, dass dazwischen eine Bewertung liegt. Eine Großmutter stirbt. Eine Enkelin ist tief traurig, weil es die beste Oma der Welt war. Eine zweite hatte nie Kontakt und spürt kaum etwas. Eine dritte freut sich aufs Erbe. Dieselbe Situation, drei Gefühle.
Gefühle sind eine Folge von Bewertungen, und auf deine Bewertung hast du Einfluss.
Im Alltag geht es eher um Kalle, der dich im Meeting unterbricht. Du unterstellst, dass er dich nicht mag, und gehst ihm aus dem Weg. Ist das die einzig mögliche Bewertung? Vielleicht wollte er schnell los, wollte noch etwas einbringen, wollte auf die überzogene Zeit hinweisen oder war mit sich beschäftigt. Jörg rät, dir mit etwas Abstand, beim Zähneputzen oder beim Spaziergang mit dem Hund, die Frage zu stellen, woher dein Gefühl kommt und wie du die Situation auch sehen kannst. Arne fasst Wut, Traurigkeit und Hilflosigkeit unter dem Sammelbegriff Stress zusammen. Hilflosigkeit ist für ihn die Angst, es nicht hinzubekommen. Wie du gelassen bleibst, wenn dich jemand verunsichert, hörst du in der Folge über das Gefühl, sich angegriffen zu fühlen.
Viel Stress entsteht aus ungelösten zwischenmenschlichen Konflikten, beobachtet Arne. Kollegen frotzeln sich an, es ist angeblich nur Spaß, und doch schwingt Bitterkeit mit. Er rät, aufzuhören zu kämpfen, für Frieden zu gehen und das unangenehme Gespräch zu führen, auch für das eigene Gefühl in der Brust. Genau solche Gespräche trainieren Führungskräfte im Leadership Training REFLECT.
Vermutete Erwartungen klären
Jörg erzählt aus einem Coaching mit einer Führungskraft aus einer mittelständischen Steuerberatungskanzlei. Die Person war vor einigen Monaten in eine Rolle mit Führungsverantwortung gewechselt und völlig gestresst. Abends und am Wochenende arbeitete sie, weil sie alles kontrollieren wollte. Jeder Jahresabschluss sollte perfekt sein, mit allen denkbaren Varianten. Jörg fragte, was Vorgesetzte und Kunden eigentlich erwarten. Darüber hatte die Person keine Klarheit. Vielleicht reicht eine 80 Prozent Lösung völlig aus. Vielleicht ist sie sogar gewünscht, weil die letzten 20 Prozent enorm viel Zeit kosten und die Projekte unwirtschaftlich machen.
Arne hält vermutete Erwartungen für eine riesige Stressquelle im Business. Wer nicht weiß, was wirklich erwartet wird, arbeitet auf Annahmen hin. Erlaube dir, das Gespräch zu führen. „Was erwartest du an dieser Stelle konkret? Reicht nicht eine Variante?“ Wie dir Perfektionismus dabei im Weg stehen kann, besprechen die beiden in der Folge über Perfektionismus.
Wozu so hohe Ansprüche an dich selbst?
Hinter überhöhten Ansprüchen steht oft wieder eine Wozu Frage, sagt Arne. Viele tragen tief sitzende Glaubenssätze mit sich, etwa nicht gut genug, zu schwach oder nicht erfolgreich genug zu sein. Oft stammen sie aus der Kindheit und wirken als Antreiber, das Gegenteil zu beweisen. Arne kennt das aus dem Unternehmerkontext. Viele sehr erfolgreiche Unternehmer haben einen inneren Antreiber, der Welt zu zeigen, was sie draufhaben. Er war selbst jahrelang Teil dieser Bewegung. Prüf deshalb, ob dein Stress wirklich auf den Anforderungen anderer beruht oder ob du immer noch etwas drauflegst, um etwas über dich zu beweisen, das die Welt wahrscheinlich gar nicht interessiert. Wenn dich Selbstzweifel begleiten, hilft dir die Folge über Selbstzweifel als Führungskraft.
Jörg weist darauf hin, dass dieses Gespräch über Resilienz tiefer geht, als viele erwarten. Methoden gibt es auch. Hier geht es um das, was unter der Wasseroberfläche wirkt. Das allein herauszufinden, ist oft schwer. Ein Führungscoaching bietet dir dafür einen Sparringspartner. Unternehmen, die ihre Führungskräfte gemeinsam stärken wollen, finden mit einem Inhouse-Training den passenden Rahmen. Wer lieber in einer Gruppe an der eigenen Haltung arbeitet, ist im Führungskräftetraining richtig. Und das nächste unangenehme Gespräch, das du vor dir herschiebst, kannst du vorher als Gespräch üben.

