Sich angegriffen fühlen im Job: Wenn eine Frage Druck macht
Dein Chef fragt im Vorbeigehen, ob du das Follow-up beim Kunden schon gemacht hast. Ob ihr beim Projekt noch im Budget seid. Ob du das Umsatzziel diese Woche erreichst. Und plötzlich ist da Druck. Du fühlst dich angegriffen, und abends erzählst du deinem besten Freund: „Mein Chef macht mir gerade richtig Druck.“
Solche Situationen erleben Arne und Jörg immer wieder in ihren Trainings, mit Kunden, Chefs, Partnern und auch privat. In dieser Folge vom Podcast Wirksam führen stellen sie eine einfache Gegenfrage. Was macht dein Chef da eigentlich ganz konkret? Er stellt dir eine Frage. Wenn dir diese Frage Angst macht, einen Schrecken einjagt oder du dich sogar schämst, hat das im Zweifel mehr mit dir und deinen Gedanken zu tun als mit ihm.
Die Frage selbst löst den Druck nicht aus. Den Druck erzeugen deine Bewertung und deine Gedanken über die Situation und über dich. Bei manchen springt bei einer harmlosen Frage gleich die innere Hölle an, und sie suhlen sich in Ängsten und Befürchtungen. Wenn du dann sagst, das hätte der andere nicht fragen dürfen, gibst du die Verantwortung für deine Gefühle an ihn ab. Das hat einen hohen Preis. Wären andere für deine Gefühle verantwortlich, könntest du sie gar nicht selbst regulieren. Du wärst deinem Chef ausgeliefert und machtlos.
Gefühle entstehen durch Bewertung
Ähnlich sieht Arne verbale Verletzungen. Sein Standpunkt ist, dass dich andere mit Worten nicht verletzen können, zumindest nicht, wenn du das nicht willst. Könnten Worte zuverlässig Gefühle erzeugen, müsste das bei allen Menschen gleich funktionieren.
Er erklärt das mit einem Bild aus dem Fußball. Drei Freunde sitzen vor dem Fernseher, der VfB Stuttgart schießt ein Tor gegen Werder Bremen. Jörg freut sich als Stuttgart-Fan. Arne hat als Werder-Fan sofort schlechte Laune. Der dritte interessiert sich nicht für Fußball und ist einfach froh, Zeit mit den beiden zu verbringen. Bei ihm löst das Tor weder Freude noch Wut noch Enttäuschung aus.
Ein Ereignis löst noch kein Gefühl aus. Dazwischen liegt immer deine Bewertung.
Gefühle sind das Ergebnis dessen, wie wir etwas bewerten. Sie haben mehr damit zu tun, was wir über uns und die Welt denken, als mit dem, was andere sagen oder was passiert. Im Job ist es genauso. Dieselbe Frage löst bei dir Stress aus und beim Kollegen gar nichts. Eine Beobachtung aus der Folge übersieht man leicht. Wenn du das Follow-up längst gemacht hast und der Kunde unterschrieben hat, stresst dich die Frage komischerweise überhaupt nicht.
Unterstellung oder legitimes Interesse?
Wenn du denkst, dein Chef dürfe so etwas gar nicht fragen, schwingt oft eine Unterstellung mit. Er vertraut mir nicht. Er will nur den Druck erhöhen. Ich bin doch selbst dran. Dabei kann die Frage einfach aus Interesse kommen oder einen ganz legitimen Grund haben. Vielleicht spricht er morgen ohnehin mit dem Kunden und will nur wissen, ob er selbst nachfassen soll. „Falls du es noch nicht gemacht hast, kläre ich das morgen.“ Mit Vorwurf hat das nichts zu tun.
Jörg macht hier eine klare Einschränkung. Manche Chefs setzen solche Fragen bewusst oder unbewusst ein, um Druck auszuüben, damit Dinge im Unternehmen passieren. Arnes Hypothese bleibt trotzdem, dass andere nur auf Menschen Druck ausüben können, die in dieser Situation nicht mit sich im Reinen sind. Wie du mit einem Vorgesetzten umgehst, der tatsächlich Grenzen überschreitet, besprechen die beiden in der Folge über narzisstische Vorgesetzte.
Wenn dich häufige Nachfragen stören, kannst du mit deinem Chef auch etwas vereinbaren, etwa dass er dich nicht mehr vor versammelter Mannschaft im Teammeeting fragt. Wie du so eine Bitte ruhig und ohne Vorwurf formulierst, kannst du vorab im Gesprächstraining ausprobieren.
Rechtfertigen oder ins Recht setzen
In der Folge geht es um zwei Varianten. Stell dir vor, du hast das Follow-up nicht gemacht, weil du die ganze letzte Woche von morgens bis abends bei einem anderen Kunden im Projekt warst. Dann sagst du ganz ruhig „Nein, natürlich noch nicht“. Ohne Rechtfertigung.
Anders ist es, wenn du dich seit Wochen vor dem Anruf drückst. Dann fühlst du dich ertappt oder überführt. Es entsteht Scham, das Gefühl, nicht gut genug zu sein oder es nicht hinzubekommen. Und du fängst an, dich zu rechtfertigen. Letzte Woche war so viel los, der Kunde war im Urlaub, ich konnte ihn nicht erreichen. Wer so etwas beobachtet, fasst sich an den Kopf und denkt, hör bitte auf, du redest dich um Kopf und Kragen. Jede weitere Begründung überführt dich ein Stück mehr.
Rechtfertigung ist deshalb ein gutes Signal. Wenn du damit anfängst oder patzig wirst, auch zu Hause bei der Frage, ob du den Müll schon rausgebracht hast, wirkt etwas in dir. Vielleicht Scham, vielleicht der Gedanke, der andere mache mehr als du.
Das Gegenteil nennen die beiden, sich ins Recht setzen. Auf eine Frage gibst du eine klare Antwort. „Arne, hast du das Follow-up schon gemacht?“ „Nein, das mache ich nächste Woche.“ Kein Nachsatz, keine Erklärung. Dann nimmst du die Frage als Frage. Auf eine Unterstellung wie „Du hast den Kunden seit zwei Monaten nicht angerufen“ oder „Du bist nie pünktlich“ reicht ein ruhiges „Nein, das stimmt nicht“. Das gelingt allerdings nur, wenn du selbst davon überzeugt bist.
Dich trifft, was du selbst über dich denkst
Jörg erzählt dazu ein Beispiel aus seiner Familie. Seine Tochter ist sauer, weil er zu spät zum Reiten losfährt, und sagt ihm, er sei doof. Er antwortet einfach „Nein, bin ich gar nicht“. Würde er selbst zweifeln, ob er ein guter Vater ist, käme sofort die Rechtfertigung. Ich arbeite doch so viel. Ich fahre dich doch immer.
Andere können dich verbal nur verletzen, wenn sie etwas aussprechen, das du selbst schon über dich denkst und von dem du nicht willst, dass andere es mitbekommen. Das ist ein wertvoller Hinweis. Prüf an der Mehrzahl deiner Ergebnisse, ob es stimmt. Bist du wirklich ein schlechter Vertriebler, ein Versager oder ständig unpünktlich? Sehr wahrscheinlich nicht. Dann kannst du den Gedanken auch loslassen. Mehr zu diesem inneren Zweifel hörst du in der Folge über Selbstzweifel als Führungskraft.
Spannend ist auch, was du von solchen Gedanken hast. Arne beobachtet, dass Menschen mit dem Gedanken „Ich bin nicht gut genug“ sich oft zu Höchstleistung antreiben. Sie hängen noch einen Titel an, machen eine Zusatzqualifikation oder schreiben das zweite Buch. Wenn dir das bewusst ist, kannst du neu entscheiden. Willst du den Gedanken weiter als Antreiber nutzen, dann go for it. Willst du lieber besser schlafen und reicht dir das, darfst du ihn loslassen. Wer dabei Begleitung möchte, findet sie im Führungscoaching.
Selbstführung: Du gestaltest deine Reaktion
Für die beiden ist das ein Thema der Selbstführung. Wenn du dünnhäutig bist und dich schnell angegriffen fühlst, lähmt dich das und du schöpfst dein Potenzial nicht aus. Wie du reagierst, liegt in deiner Hand, egal wie deine Chefin oder dein Chef ist. Du machst dir deine Gefühle selbst und bist auch dafür verantwortlich, sie zu regulieren.
Arne sieht darin eine Fähigkeit, die wir eigentlich mitbringen und dann verlernen, weil in unserer Gesellschaft gern mit dem Finger auf andere gezeigt wird. Lass dir nicht einreden, du könntest einen Trigger nicht mehr loslassen. Die Bedingung ist, dass du es willst und die Verantwortung übernimmst. Verantwortung hat zwei Seiten. Die gute ist, dass du etwas verändern kannst. Die anstrengende ist, dass du dafür zuständig bist. Wenn dich eher Ärger als Unsicherheit packt, passt die Folge Wütend auf einen Mitarbeiter. Für den langen Atem lohnt die Folge über Resilienz als Führungskraft.
Klingt alles easy, und trotzdem findest du keinen Zugang? Dann hilft Training mit anderen. Leichter wird es im Austausch mit Führungskräften, die an denselben Mechanismen arbeiten und mit denen du in Verbindung bleibst. Dafür gibt es das offene Leadership Training REFLECT, das regelmäßig neu startet. Ab etwa acht Personen begleiten Arne und Jörg ein Führungsteam auch über ein halbes oder ganzes Jahr direkt im Unternehmen, als Inhouse-Training. Die Antwort auf die nächste unbequeme Frage deines Chefs kannst du schon vorher im DialogLab üben, und im REFLECT Programm arbeitest du an den Gedanken dahinter.

