Toxische Harmonie im Team: Wenn alle nett sind und Wichtiges liegen bleibt
Harmonie klingt erst einmal gut. Fast jede Führungskraft wünscht sich ein Team, in dem man freundlich miteinander umgeht und gern zusammenarbeitet. In der allerersten Folge vom Podcast Wirksam führen schauen Arne und Jörg auf die Kehrseite davon. Sie nennen es toxische Harmonie. Gemeint ist ein Team, das nach außen friedlich wirkt und in dem trotzdem nichts mehr wirklich geklärt wird.
Jörg beschreibt toxische Harmonie als einen Zustand, in dem die Harmonie dem Team oder dem Unternehmen nicht mehr nützt. Dinge, die angesprochen gehören, bleiben unausgesprochen. An der Oberfläche läuft alles ruhig. Was fehlt, ist die Reibung, die ein Unternehmen braucht, um sich für die Zukunft aufzustellen und voranzukommen.
Arne geht noch einen Schritt weiter. In solchen Teams sind die Menschen gar nicht wirklich harmonisch und glücklich miteinander. Kritische Themen kommen nicht auf den Tisch, niemand kritisiert den anderen, und vieles gilt sofort als unangemessen oder übergriffig. „Das sagt man doch nicht.“ Dieser eine Satz reicht, und ein Thema ist erledigt. Die Unzufriedenheit bleibt.
Woran du toxische Harmonie erkennst
Die Unzufriedenheit zeigt sich im Team untereinander und oft auch gegenüber Kunden. Arne beschreibt ein typisches Muster. Ein Kunde ruft an und sagt etwas Kritisches. In einem Team mit toxischer Harmonie wird das schnell persönlich genommen. Danach wird schlecht über den Kunden geredet, aber immer hinter vorgehaltener Hand oder hinter dem Rücken.
Die Konflikte sind also da. Sie schwelen unter dem Teppich und kommen nicht auf den Tisch. Für dich als Führungskraft heißt das, dass dein Team sich kaum weiterentwickeln kann. Niemand macht auf blinde Flecken aufmerksam. Was schiefläuft, bleibt unsichtbar, bis es irgendwann nicht mehr zu übersehen ist.
Ein weiteres Zeichen ist der Umgang mit Rückmeldungen. In solchen Teams wird Feedback häufig grundsätzlich abgelehnt. Es landet in der Schublade „Das ist doch eh nur kritisches Zeug“. Wenn du Kolleginnen und Kollegen hast, die jede Rückmeldung als Angriff erleben, findest du in der Folge über radikales Feedback an Kollegen, die Kritik persönlich nehmen konkrete Ansätze.
Wie toxische Harmonie in Unternehmen entsteht
Jörg stellt die Frage, wie es überhaupt so weit kommen kann, und skizziert ein mögliches Beispiel. Der Gründer eines Unternehmens war ein harter Hund. Er hat alles sehr direkt angesprochen, war sehr klar und ist Leute manchmal auch hart angegangen. Die Menschen, die nach ihm kamen, wollten das nicht mehr. Sie wollten lieber in Harmonie arbeiten.
Dabei sind sie, wie Jörg es sagt, auf die andere Seite des Pferdes gefallen. Alles, was direkt angesprochen wird, gilt nun als schlecht, weil sich die Leute damit unwohl fühlen. Nett und freundlich zueinander zu sein wird Teil der Kultur. Wichtige Dinge werden nicht mehr angesprochen. Nach außen wirkt das harmonisch. Die Unzufriedenheit und die Konflikte bleiben trotzdem, und es fehlt die Konfliktoffenheit, um anzusprechen, was nicht funktioniert.
Mit der Zeit kann daraus eine stille Konvention werden. „Das spricht man hier nicht an, wir sind alle nett miteinander.“ Arne erzählt, dass sie früher oft mit drei Fragen gearbeitet haben, bekannt als Start, Stop, Continue. Womit müssen wir im Unternehmen aufhören? Welchen Prozess, welches Ritual, welches Meeting sollten wir stoppen, weil es nicht funktioniert? In einer Kultur der toxischen Harmonie wird so ein Vorstoß im Zweifel gegen die Person ausgelegt, die ihn anstößt. Dann passiert nichts. Man macht mit vielem weiter, das nervt und zu keinen guten Ergebnissen führt, einfach nur der Harmonie wegen. Raum für Innovation entsteht so kaum.
Wenn du so eine Kultur in deinem Unternehmen erkennst, hast du es mit gewachsenen Mustern zu tun, die sich nur gemeinsam verändern lassen. Genau dafür begleiten wir Unternehmen mit Führungskräfteentwicklung im Unternehmen.
Was nicht angesprochen wird, kommt anders zurück
Konflikte, Missverständnisse und unerfüllte Erwartungen gehen nicht von allein weg. Arne zieht den Vergleich zu privaten Beziehungen. Wenn dich etwas dauerhaft nervt und du es nicht ansprichst, um den lieben Frieden zu wahren, hört es trotzdem nicht auf, dich zu nerven.
Das eigentliche Problem liegt in dem, was dann passiert. Menschen neigen dazu, dem anderen das, was sie ihm vorwerfen, auf andere Weise heimzuzahlen. Sie werden schnippisch. Sie gehen jemandem aus dem Weg. Sie teilen bestimmte Informationen nicht mehr. Jörg ergänzt ein Beispiel, das jeder kennt. Der Report oder die Information, die der andere dringend bräuchte, kommt einfach zu spät.
Arne greift das auf. Im Mannschaftssport wie im Geschäftsleben kannst du anderen durch Unterlassung sehr wirksam etwas heimzahlen. Du musst dafür nicht einmal die Keule auspacken. Genau diese Dynamik beobachten die beiden in Teams und Unternehmen, in denen toxische Harmonie herrscht. Gestritten wird trotzdem, nur eben verdeckt.
Wenn die Engagierten gehen
Jörg bringt einen zweiten Effekt ins Spiel, der dich als Führungskraft hellhörig machen sollte. In vielen Teams gibt es Menschen, die sagen „Da ist ein Thema, wir haben ein Problem, das würde ich gern ansprechen und lösen“. Wird so ein Anliegen immer wieder ausgesessen, verlieren gerade diese Menschen irgendwann die Lust. Ihnen ist zu wenig Reibung im Spiel. Manche verlassen dann das Unternehmen.
Andere bleiben, trauen sich aber nicht mehr. Sie haben Angst, etwas anzusprechen, oder glauben, sie dürften es nicht. Das Team könnte so viel mehr, schöpft es aber nicht aus. Für dich ist das ein teurer Zustand. Du verlierst ausgerechnet die Leute, die Probleme klären wollen, und behältst eine Kultur, in der alles beim Alten bleibt.
Wenn du selbst zu den Führungskräften gehörst, die Konflikte lieber vermeiden, lohnt sich auch die Folge über Harmoniesucht als Führungskraft.
Echte Harmonie braucht Konfliktoffenheit
Als Alternative zu toxischer Harmonie beschreibt Arne echte Harmonie. Damit meint er einen Zustand, in dem Probleme gelöst und Konflikte geklärt sind. Dafür braucht es eine Haltung im Team. Was dich wirklich stört, vielleicht schon zum wiederholten Mal, sprichst du an. Und du hast die Gewissheit, dass du es sagen kannst, ohne dass sich gleich jemand auf den Schlips getreten fühlt.
Echte Harmonie entsteht dort, wo Probleme gelöst und Konflikte geklärt sind.
Arne grenzt das auch zur anderen Seite ab. Es gibt Menschen, die mit Konflikten und kritischem Feedback überhaupt kein Problem haben und dann einfach lospoltern. Das ist das andere Extrem, und auch dort gibt es wenig Vertrauen und wenig Offenheit. Die beiden suchen eine Synthese. Du wagst es, kritische Dinge anzusprechen, und lässt dir selbst etwas Kritisches sagen, ohne es persönlich zu nehmen. Beides dient besseren Ergebnissen. Genau an dieser Haltung arbeiten Führungskräfte in REFLECT, unserem Führungstraining über zwölf Wochen.
Jörg macht klar, dass das nicht über Nacht geht. Wenn kritische Themen in deinem Team bisher keinen Platz hatten, darfst du es immer wieder ausprobieren und gute Erfahrungen damit sammeln. Wer bisher die Haltung hatte, Kritisches lieber nicht anzusprechen, dem fällt der erste Schritt schwer. Wie konstruktive Konfliktoffenheit im Alltag aussieht, besprechen Arne und Jörg in der Folge über konstruktive Konfliktoffenheit. Wie du kritische Punkte so formulierst, dass sie ankommen, hörst du in der Folge darüber, wie du kritische Themen wertschätzend ansprechen kannst.
Üben hilft. Solche schwierigen Gespräche kannst du vorab durchspielen, bevor du sie mit deinem Team führst. So probierst du Formulierungen aus, ohne dass gleich etwas auf dem Spiel steht.
Schau auf deine eigene Harmoniebedürftigkeit
Zum Schluss lenkt Arne den Blick auf dich selbst. Vielleicht bist du bei der Arbeit sehr harmoniebedürftig, sprichst kritische Themen im Team ungern an und fühlst dich schnell persönlich angegangen, wenn jemand deine Arbeit oder deine Ergebnisse kritisiert. Dahinter können verschiedene Dinge wirken.
Manche Menschen haben eine stille Hoffnung. „Wenn ich niemanden kritisiere, kritisiert mich auch niemand.“ Diesen Deal hast du allerdings nie mit irgendwem abgesprochen, und er geht nicht auf. Andere beziehen das, was über ihre Ergebnisse oder ihre Leistung gesagt wird, auf sich als Mensch. Gesagt wird „Das Ergebnis war nicht so, wie ich es erwartet habe“. Gehört wird „Ich bin nicht gut genug“. Diesen Gedanken wollen sie nicht füttern und lehnen die Rückmeldung deshalb ab.
Da lohnt es sich hinzuschauen. Das hat viel mit innerer Arbeit zu tun, etwa in einem Coaching, in dem du darüber reflektierst. Ein einfacher erster Schritt ist das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, denen du vertraust und mit denen du eine gute Beziehung hast. Sie haben oft einen guten Blick darauf, wie du tickst und wie du dich in solchen Situationen verhältst. Wie du vom Schein-Frieden zu echter psychologischer Sicherheit kommst, vertiefen Arne und Jörg in der Folge über Harmonie am Arbeitsplatz.
Konfliktoffenheit kannst du als Führungskraft trainieren. Wenn du daran dranbleiben willst, schau dir unser Leadership Training an. Im DialogLab übst du das kritische Gespräch, das du bisher aufschiebst, und bekommst direkt Rückmeldung. Erste Impulse dazu gibt es auch in unseren kostenlosen Webinaren.

