Es allen recht machen wollen: Die Falle für Führungskräfte
Wie kannst du es allen recht machen? Wenn du dir diese Frage ab und zu stellst, bist du mit dieser Folge des Podcast Wirksam führen gut beraten. Die Frage taucht in Coachings mit Führungskräften und Unternehmern ständig auf. „Es sind so viele Umstände, so viele Menschen wollen etwas von mir. Ich hechle hinterher, versuche es allen recht zu machen, und es gelingt mir nicht.“ Die Antwort der Folge ist unbequem. Es allen recht zu machen, gelingt keinem. Wer es versucht, macht es am Ende einem Menschen garantiert nicht recht, nämlich sich selbst.
Viele Rollen, viele Erwartungen
Vielleicht kennst du die Situation. Ein Mitarbeiter braucht dringend deine Unterstützung bei einem Projekt. Gleichzeitig wollen die Gesellschafter oder dein Vorgesetzter etwas von dir. Und dann sind da noch Kunden, die auf dich warten. Schon im Beruf kommt einiges zusammen.
Im Privatleben geht es weiter. Deine Partnerin oder dein Partner, deine Kinder, deine Eltern. Du bist vielleicht im Vorstand vom Sportverein, und im Kindergarten wird jemand gesucht, der beim Adventsmarkt vier Stunden lang Waffeln backt. Du hast viele Rollen, und in jeder Rolle versuchst du, allen gerecht zu werden. Wer in dieser Lage steckt, hat oft schon ein Muster entwickelt, das in der Folge über People Pleaser als Führungskraft ausführlich beschrieben wird.
Ausgesprochene Wünsche oder eigene Vermutungen
Bevor du dich um alle Erwartungen kümmerst, lohnt eine Frage. Sind das wirklich ausgesprochene Wünsche der anderen? Oder interpretierst du sie nur hinein? Oft denken wir, die Mutter habe diese oder jene Erwartung an uns, oder die Partnerin wünsche sich etwas Bestimmtes. Dabei hat die Person das vielleicht nie gesagt. Und du hast sie nie gefragt.
„Sag mal, was brauchst du wirklich von mir?“
Diese Frage klärt manchmal, dass etwas ganz anderes gemeint war. Wir tragen viele eigene Gedanken und Überzeugungen darüber mit uns herum, was andere von uns wollen. Daraus entsteht ein Kreislauf, der stresst. Wie Stress sich bei Führungskräften festsetzt und wie du widerstandsfähiger wirst, erklärt die Folge über Resilienz als Führungskraft.
Im Job lohnt die Nachfrage genauso. Vielleicht erwartet dein Vorgesetzter gar nicht, dass du alles sofort erledigst. Vielleicht braucht dein Mitarbeiter bei seinem Projekt nur eine kurze Einschätzung von dir und keine stundenlange Mitarbeit. Du erfährst es erst, wenn du fragst. Eine klare Nachfrage spart dir oft mehr Zeit als jede Methode zum Zeitmanagement.
Wer in der Gleichung zu kurz kommt
Viele schaffen es tatsächlich ganz gut, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Sie werden allen um sich herum einigermaßen gerecht. Nur eine Person kommt in dieser Gleichung zu kurz, sie selbst. Für dich selbst bleibt keine Zeit übrig.
Wer wirksam führen will und für andere da sein möchte, beruflich wie privat, braucht Selbstfürsorge. Deine Aufgabe ist es, dich zuerst um dich selbst zu kümmern. Das klingt egoistisch und ist doch die Voraussetzung dafür, dass du anderen gut dienen kannst. Nur wer selbst Kraft hat, kann sie weitergeben.
Eigenschutz geht vor Fremdschutz
Bei Einsatzkräften, ob Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst, gibt es einen Satz, der das auf den Punkt bringt. Eigenschutz geht vor Fremdschutz. Dasselbe hörst du bei jeder Sicherheitseinweisung im Flugzeug. Bei einem Druckabfall fallen die Masken herunter, und du ziehst zuerst deine eigene Maske auf, danach hilfst du den Menschen und Kindern um dich herum.
Wenn dir selbst die Luft ausgeht, kannst du auch den Menschen um dich herum nicht mehr helfen.
Das Bild gilt für alle Bereiche des Lebens. Du darfst für dich feststellen, wo deine Grenzen liegen. Du darfst dir klarmachen, dass du es nicht allen recht machen kannst. Und dann ist es Zeit, Grenzen zu ziehen. Wie das in der Führungsrolle konkret aussieht, ist auch Thema in unserem Führungskräftetraining REFLECT.
Grenzen ziehen ohne schlechtes Gewissen
In der Folge gibt es dazu ein Beispiel aus dem Verwandtenkreis. Eine Person wird regelmäßig zu Hochzeiten und runden Geburtstagen aus dem Team eingeladen. Ehrlich gesagt möchte sie oft gar nicht hingehen. Die Zusammenarbeit ist gut, privaten Kontakt braucht sie aber nicht. Trotzdem geht sie hin, weil sie niemanden vor den Kopf stoßen will. Dabei gehen viele Abende und Tage drauf.
Da darf man auch einfach mal sagen „Ich komme nicht, ich verbringe die Zeit lieber mit mir oder meiner Familie.“ Dasselbe gilt für die Anfrage aus dem Verein, ob du am Stand Waffeln backst. „Nein, das möchte ich nicht übernehmen.“ Zähl ruhig einmal nach, wie viele Abende im Jahr bei dir auf Termine gehen, zu denen du eigentlich nicht willst.
Die Angst vor dem Urteil der anderen
Viele Menschen haben Angst, andere vor den Kopf zu stoßen. Was denkt mein Kollege, wenn ich sage, dass ich ihm gerade nicht helfen kann, weil ich an meinem eigenen Projekt sitze? Was denken die Leute im Verein, wenn ich nicht bereitstehe? Also sagen viele Ja, obwohl sie Nein meinen.
Das ist unaufrichtig, auch den anderen gegenüber. Du bist dann nicht mit voller Leidenschaft dabei und gibst vielleicht keine hundert Prozent, weil du innerlich weißt, dass du keine Zeit hast oder es eigentlich nicht willst. Ein halbherziges Ja hilft niemandem. Warum die Angst vor Ablehnung dich erpressbar macht, vertieft die Folge Nein sagen.
Das wertschätzende Nein und der goldene Satz
Die Alternative ist ein wertschätzendes Nein. In der Folge wird dazu ein Satz vorgestellt, der schon auf LinkedIn die Runde gemacht hat und hier der goldene Satz heißt. Er ist eine Ergänzung zur Absage, und er lautet sinngemäß so.
„Bitte versteh das nicht als Nein zu dir, zu deinem Projekt oder zum Sportverein. Es ist ein Ja zu mir, zu Zeit für mich oder für meine Familie.“
Im Arbeitsalltag kann das so klingen. „Schön, dass du an mich denkst. Ich weiß es zu schätzen, dass du meine Hilfe bei deinem Projekt möchtest. Ich werde dir dabei nicht helfen. Ich habe gerade viele eigene Themen auf meiner Agenda, und denen möchte ich mich mit voller Energie widmen, um für die Firma das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Bitte versteh das nicht als Nein zu deinem Projekt. Es ist ein Ja zu meinen Themen.“
Das Nein ist klar, und die Wertschätzung ist echt. Du musst dich nicht lang rechtfertigen. Du benennst, wofür du dich entscheidest. Wer solche Sätze im Kopf hat, sie aber im entscheidenden Moment nicht über die Lippen bringt, kann sie im Gesprächstraining so lange ausprobieren, bis sie sitzen.
Wie andere darauf reagieren
Die Erfahrung aus der Folge ist ermutigend. Auf diese Art von Absage kommt ganz oft einfach Verständnis und Wertschätzung zurück. Alle kennen das Problem mit der begrenzten Zeit. Manche fragen sogar, ob sie den Satz übernehmen dürfen. Du darfst ihn übernehmen.
Für Führungskräfte hat das eine besondere Bedeutung. Wenn du selbst Nein sagen kannst, ohne dich zu verbiegen, setzt du ein Signal für dein Team. Du zeigst, dass Prioritäten erlaubt sind. Wie du Prioritäten setzt, wenn alles gleichzeitig wichtig scheint, behandelt die Folge über Unsicherheit beim Setzen von Prioritäten. Und wenn du merkst, dass das Thema tiefer sitzt und du immer wieder in alte Muster rutschst, kann ein Führungscoaching helfen, die eigenen Grenzen klarer zu sehen.
Gönn dir Gelassenheit und Vertrauen. Erlaube dir, Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen. Und erlaube dir, es nicht allen recht machen zu wollen. Wer das in einem geschützten Rahmen mit anderen Führungskräften üben möchte, findet im Leadership Training REFLECT den passenden Ort. Ganze Führungsteams, in denen das Ja zu allem zur Kultur geworden ist, gehen das Thema besser gemeinsam an, etwa in einem Inhouse-Training. Und das Gespräch mit dem Kollegen, dem du absagen musst, kannst du vorab im DialogLab durchspielen.

