Work-Life-Balance als Führungskraft: Warum die 10 von 10 überall eine Illusion ist
Du willst ein guter Vater oder eine gute Mutter sein, gesund leben, eine starke Partnerschaft führen, Freunde treffen und beruflich richtig etwas reißen. Am besten alles gleichzeitig und alles auf höchstem Niveau. Genau dieser Anspruch setzt viele Unternehmer und Führungskräfte unter Druck. In dieser Folge vom Podcast Wirksam führen philosophieren Arne und Jörg über Work-Life-Balance und darüber, wie ein stimmiges Leben gelingen kann, wenn du viele Bälle in der Luft hältst.
Für Jörg ist das ein Herzensthema. Er hat drei Kinder, eine Firma aufgebaut und kennt chronische Erkrankungen aus eigener Erfahrung. Über unbequeme Wahrheiten zur Work-Life-Balance hat er bei Unternehmen wie Microsoft, LinkedIn, dem VfB Stuttgart und Rewe Vorträge gehalten. Die wichtigste davon ist ernüchternd. In allen Lebensbereichen gleichzeitig eine 10 von 10 zu erreichen, ist nicht möglich. Manche Zuhörer haben bei seinen Vorträgen schon geweint, weil ihnen das erst in diesem Moment bewusst wurde.
Jeder Fokus hat seinen Preis
Außergewöhnlich gut wirst du in einem Bereich nur mit enormem Fokus. Das bringt Opportunitätskosten mit sich. Wer ein international tätiges Unternehmen führt, verbringt immer wieder Zeit im Ausland und ist in dieser Zeit eben nicht für die Familie da. Andere schaffen es, beruflich stark zu sein und viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Dann fehlt die Zeit für den Sport. Alles gleichzeitig ist, Hand aufs Herz, eine Illusion.
Ausgeglichene Lebensbereiche hält Arne durchaus für möglich, nur eben im Mittelfeld. Ein okayer Job, eine ganz gute Beziehung, Zeit für Freunde und Sport, überall vielleicht eine 6 von 10. Damit zufrieden zu sein, nennt er eine Art Lebenskunst. Schwierig wird es, wenn der Anspruch in mehreren Bereichen bei 8 oder 9 liegt. Dann entsteht eine Dissonanz, die Menschen unglücklich macht, sie stresst und bis zum Burnout führen kann.
Das schlechte Gewissen macht den Stress
Arne verweist darauf, dass ein Burnout nicht schon durch eine 80-Stunden-Woche entsteht. Wer sich bewusst und mit gutem Gewissen auf die Arbeit konzentriert, kommt mit langen Wochen klar. Zum Problem wird es durch das kleine Wort „eigentlich“. Eigentlich müsste ich öfter zu Hause sein. Eigentlich müsste ich ins Fitnessstudio. Eigentlich müsste ich den alten Freund anrufen, mit dem ich seit einem Jahr nicht telefoniert habe.
Jedes dieser Eigentlich füttert das schlechte Gewissen. Daraus wird Angst, nicht genug zu sein und etwas zu verlieren. Die Angst, dass die Kinder sich abwenden, dass die Partnerin geht oder dass im Alter keine Freunde mehr da sind. Wenn du dich darin wiedererkennst, lohnen die Folgen Dauernd Stress als Führungskraft und Resilienz als Führungskraft.
Diesen Druck gab es schon immer. Arne glaubt aber, dass die Instagramifizierung unserer Erfolgswelt ihn verstärkt. Auf LinkedIn teilen Leute vor allem ihre Bühnenmomente mit großen Namen und klatschendem Publikum. Andere zeigen sich Hand in Hand mit ihrem Kind beim Spaziergang. Jörg ergänzt einen zweiten Punkt. Du siehst in jedem Lebensbereich eine andere Person, die dort glänzt. Den einen mit dem perfekten Körper, den anderen mit viel Geld, den dritten mit der wunderbaren Beziehung zu seinen Kindern. Und du vergleichst dich in jedem Bereich mit dem Besten.
Sequenzieller Fokus statt Balance
Jörg erzählt von seiner ersten Firma, die er 2011 auf Amazon gegründet hat. Er war damals mehrmals im Jahr in China. Er und sein Partner Kai hatten Ideen für Dinge, die später richtig groß geworden sind, und wussten, dass sie damit finanziell sehr erfolgreich sein könnten. Das Playbook lag in der Tasche. Jörg entschied sich dagegen, weil er zu Hause bei der Familie sein wollte. Rückblickend sieht er sich damals bei einer 9 in der Familie und unternehmerisch eher bei einer 7. Das hat ihm lange Stress gemacht, bis er es für sich eingeordnet hatte.
Eine 10 von 10 ist in jedem Lebensbereich möglich, aber nicht gleichzeitig.
Manche liefern über einige Jahre unternehmerisch Höchstleistung, verkaufen dann die Firma oder nehmen sich bewusst ein Sabbatical. Andere geben wieder Gas, wenn die Kinder älter sind. Oder Gesundheit rückt in den Vordergrund, und plötzlich bekommt dieser Bereich Zeit, Retreats und Sport. Das knabbert dann wieder an den anderen Bereichen.
Arne schlägt vor, den Begriff Work-Life-Balance durch Work-Life-Fokus zu ersetzen. Damit verschwindet die verrückte Idee, alles gleichzeitig schaffen zu müssen. Du entscheidest, wann du was fokussierst, mit gutem Gewissen. Jörg weist darauf hin, dass Familie und Partnerschaft zwei Bereiche sind. Läuft es mit den Kindern gut, heißt das noch lange nicht, dass die Paarbeziehung gesund ist. Mit dem ersten Kind hat das Kind meist Vorrang, später bekommt die Partnerschaft wieder mehr Zeit. Die erste Entscheidung lautet also, ob dir eine 6 von 10 überall reicht. Willst du in manchen Bereichen Exzellenz, geht das nur über Fokus und bewussten Verzicht in anderen. Wer schon einmal mit dem Setzen von Prioritäten gerungen hat, kennt dieses Dilemma.
Was Unternehmer von Profifußballern lernen können
Jörg dachte zunächst, ein Profifußballer hätte es leichter. Doch selbst ein Spieler auf dem Niveau von Toni Kroos fehlt, wenn sein Kind krank ist oder eine Schulveranstaltung ansteht, weil gerade Champions League oder Länderspiel ist. Arne ergänzt, dass Profisportler ihre Gesundheit für den Erfolg zurückstellen und nach Verletzungen schnell wieder auf den Platz wollen. Persönliche Entwicklung außerhalb des Sports bleibt oft auf der Strecke. Unternehmertum ist für ihn so etwas wie Profisport.
Einen Unterschied gibt es trotzdem. Beim Profifußballer ist die Grenze für alle klar. Mittwoch ist Champions League, am Wochenende ist Spiel, Urlaub gibt es in der Sommerpause, und mit Mitte 30 ist meist Schluss. Unternehmer haben diese Grenze nicht. Zu Hause bist du gedanklich oft noch in der Firma. Und du kannst mit 40, 50 oder 60 noch einmal unternehmerisch Gas geben, etwa wenn die Kinder aus dem Haus sind. Umso wichtiger ist eine bewusste Entscheidung. An dieser Klarheit über die eigenen Prioritäten arbeiten Führungskräfte auch im Führungstraining REFLECT.
Gespräche mit den Menschen, die dein Fokus betrifft
Hinter dem Wunsch nach Balance steckt der Wunsch nach einem stimmigen Leben ohne Schuldgefühle und ohne das Gefühl, nicht hinterherzukommen. Diese Stimmigkeit entsteht, wenn du bewusst festlegst, in welchen Bereichen du auf einige Qualitätspunkte verzichtest und weit weg von der 10 bleibst.
Präsenz kannst du nicht simulieren. Wenn dir ein Kundenproblem im Kopf herumgeht und du eigentlich zurück an den Rechner willst, bist du am Esstisch nicht wirklich da. Manchmal ist es ehrlicher, den Geburtstag eines Verwandten auszulassen, statt gestresst hinzufahren und gleich wieder weg zu wollen. Dazu gehört, es den Menschen offen zu sagen.
Arne empfiehlt, nach so einer Reflexion Gespräche mit den Menschen zu führen, die betroffen sind, mit Partnerin, Familie oder Geschäftspartner. Ihr trefft Vereinbarungen, oder die anderen wissen zumindest Bescheid und können entscheiden, ob das für sie passt. Oft fällen wir diese Entscheidung unbewusst und wundern uns später über die Probleme. Wer vor so einem Gespräch zögert, kann es im DialogLab üben und ausprobieren, wie die eigenen Worte ankommen.
Das Luftballon-Modell
Jörg bringt dazu ein Bild. Jeder Lebensbereich ist ein Luftballon, und du versuchst, alle gleichzeitig mit zwei Händen unter Wasser zu drücken. Gesundheit, Finanzen, Freunde, Beruf, Hobbys, persönliche Weiterentwicklung. Irgendeiner rutscht immer wieder nach oben. Und die Ballons sind unterschiedlich groß. Ein großes unternehmerisches Ziel, zwei kleine Kinder oder ein Gesundheitsthema machen ihren Ballon deutlich größer.
Du kannst die Ballons kleiner machen, dann wird es leichter. Oder du drückst bewusst einen nach unten und nimmst die anderen später ins Wasser. Die entscheidende Frage lautet deshalb, was du gerade nicht fokussierst und was du auf später verschiebst. Das musst du nicht perfekt planen. Einige Bereiche kannst du parallel auf hohem Niveau halten, alle auf keinen Fall. Wie du dir Zeit zurückholst, hörst du in der Folge Wieder mehr Zeit für dich haben.
Wenn du deinen eigenen Fokus mit jemandem sortieren willst, der von außen draufschaut, hilft ein persönliches Coaching. Für deine Selbstführung im Alltag als Chef gibt es das Leadership Training REFLECT. Willst du solche Fragen mit deinem ganzen Führungsteam bearbeiten, ist ein Inhouse-Training der passende Rahmen. Impulse gibt es auch in den kostenlosen Webinaren, und das Gespräch mit Familie oder Geschäftspartner kannst du im Gesprächstraining vorbereiten.

