Weibliche Führung: Als Frau führen, ohne dich zu verbiegen
Als Anni Pevestorf sich in der Gastronomie selbstständig machte, hatte sie schon viele Jahre Führungserfahrung. Trotzdem kamen ganz neue Themen auf sie zu. Kann ich die Gehälter zahlen? Sind wir profitabel genug? Wie wachsen wir? Irgendwann merkte sie, dass sie nur noch funktionierte. Immer unter Strom, kaum Zeit zum Nachdenken und das klare Gefühl, dass bald Schluss ist, wenn sich nichts ändert.
Am meisten Kraft hat sie eine Veränderung an sich selbst gekostet. Anni beschreibt sich als sehr weiblichen, emotionalen Menschen. Unter Stress wurde sie immer härter, drückte ihre Gefühle weg und hatte wenig Verständnis für ihre Mitarbeiter. Gleichzeitig glaubte sie, genau diese Härte zu brauchen, um wirksam zu führen. Das widersprach ihrer Persönlichkeit, und deshalb war es so anstrengend.
In dieser Folge vom Podcast Wirksam führen spricht Arne mit Anni über weibliche Führung. Die beiden arbeiten seit Jahren gemeinsam in Projekten zur Führungskräfteentwicklung im Unternehmen. Anni ist Coach und Trainerin und war selbst lange Führungskraft, angestellt in der Agenturwelt und als Unternehmerin. Zwei Fragen stehen im Raum. Wie kannst du als Frau wirksam führen und dabei du selbst bleiben? Und wie gelingt Männern eine gute Zusammenarbeit mit Frauen in Führungsrollen?
Warum eine Rolle so viel Energie kostet
Arne greift Annis Wort „stimmig“ auf. Wenn wir uns in eine Rolle drängen lassen, eine Maske aufsetzen und das spielen, was wir für erwartet halten, geht Natürlichkeit verloren. Mit ihr geht die Stimmigkeit. Er erinnert an eine frühere Folge über Ganzheit und ihre Wertschätzung. Darin ging es darum, dass Menschen heute viel eher als ganze Menschen zur Arbeit kommen dürfen als noch in den 80er und 90er Jahren.
Wie kam Anni überhaupt zu ihrer Härte? Eine bewusste Entscheidung war das nie. Viele Unternehmer in ihrem Umfeld sind Männer, mit ihnen hat sie sich zu Führungsfragen ausgetauscht. Als sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, wie viele ihrer Vorbilder männlich sind. Sie bewundert, wie diese Männer jeden Tag mit Power durchziehen, und hat versucht, ihnen nachzueifern. Bis sie merkte, dass sie anders ist und das vielleicht gar nicht will.
Wer sich verbiegt, um einem Vorbild nachzueifern, zahlt mit der eigenen Stimmigkeit.
Der Preis ist hoch. Arne hält es für wenig nachhaltig, wenn das eigene Selbst auf der Strecke bleibt. Es kostet Energie, es wird zum Schauspiel, und Spaß macht es auch nicht. Anni ergänzt einen Punkt, der für Führung zentral ist. Wer gegen die eigene Haltung handelt, hat hinterher schneller ein schlechtes Gewissen. Die Integrität leidet und mit ihr die Glaubwürdigkeit. Was authentisch führen im Alltag konkret heißt, hörst du in einer eigenen Folge.
Fehlende Vorbilder und alte Prägungen
Arne weist darauf hin, dass es statistisch deutlich weniger Frauen in Führungsrollen gibt, als Unternehmerinnen vermutlich noch seltener. Wer Führung vor allem beobachtet, sieht also wenige authentische weibliche Rollenbilder. Das Verstellen kennen allerdings auch viele Männer. In den 90er Jahren, als Arne seine ersten Erfahrungen in der Wirtschaft machte, galten Ellbogen, Härte und Durchsetzungsvermögen als Ideal. In der New Work Zeit der letzten fünf bis zehn Jahre ist es eher ein empathisches Führungsbild. Beides passt längst nicht für jede und jeden. Die Frage, was der richtige Führungsstil ist, lässt sich deshalb nur persönlich beantworten.
Anni beschreibt Muster, die Frauen gerade in gemischten Gruppen oft unbewusst begleiten. „Ich will nicht zu emotional wirken.“ „Ich muss besonders professionell auftreten.“ Dazu Prägungen wie brav sein und nicht zu viel Raum einnehmen. Frauen erklären sich, so ihr Eindruck, häufiger als Männer. Arne erzählt aus dem Alltag mit Kindern. Mädchen werden eher getröstet, und Weinen ist bei ihnen okay. Jungen wird eher Mut zugesprochen. Männer dürfen an einer emotionalen Grenze dafür lauter werden, Frauen wird das bis heute weniger zugestanden.
Anni bringt es auf ein Bild, das viele kennen. Wird ein Mann laut, gilt er als durchsetzungsstark. Bei einer Frau heißt es schnell zickig. Sie erinnert sich an ihren Berufsstart mit Anfang 20, als sie mit fünfzigjährigen Einkäufern am Tisch saß und vorher gebrieft wurde, souverän und lauter aufzutreten und fest die Hand zu drücken. Sie selbst hörte lieber zu und sagte erst etwas, wenn es Hand und Fuß hatte. Ernst genommen wurde sie dafür lange weniger als männliche Kollegen. Arne bestätigt aus Männersicht, wie schnell Frauen Kompetenz oder gar die Legitimation zu führen abgesprochen wird.
Für alle, die tiefer einsteigen wollen, nennt Arne zwei Bücher, „Anfänge“ und „Die Evolution der Gewalt“. Beide beschreiben, dass Herrschaft und organisierte Gewalt erst etwa 5.000 Jahre alt und männlich geprägt sind. Führung in hierarchischen Organisationen leitet sich bis heute stark aus diesem Herrschaftsgedanken ab.
Den eigenen Führungsstil finden
Musst du dich also anpassen und die Hosen anziehen? Anni sagt klar, dass es anders gehen muss, gerade weil immer mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Männer, die ihre weiche Seite zeigen, werden im schlimmsten Fall unterschätzt. Frauen werden schnell komplett in Frage gestellt. Darum braucht es einen eigenen Weg, sich klar abzugrenzen und sich selbst treu zu bleiben. Wichtig ist ihr dabei die Wertschätzung für unterschiedliche Führungsstile, zwischen den Geschlechtern und innerhalb eines Geschlechts.
Der Anfang ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Anni schlägt Fragen vor, die du dir selbst stellen kannst. Wo fühlt sich Führung anstrengend an, und was genau daran? Wie wärst du, wenn du nicht darüber nachdenkst, wie du gerade wirkst? Wie verhältst du dich in Konflikten im Job, wie privat, und woher kommt der Unterschied? Manches, was sich zunächst fremd anfühlt, darfst du behalten. Oft hilft es, den eigenen Blick darauf zu verändern und zu sehen, dass ein Verhalten durchaus funktioniert.
Dazu kommen Fragen, die viele Frauen in Führung beschäftigen. Warum fühle ich mich manchmal fremd in meiner eigenen Rolle? Wer dieses Gefühl kennt, findet in der Folge über das heimliche Gefühl, nicht zur Führungskraft geboren zu sein, weitere Gedanken. Wo darf ich meine Intuition im Business wieder ernst nehmen? Und warum tausche ich mich eigentlich vor allem mit Männern aus? Anni schätzt diese Gespräche, weil sie rationaler und ruhiger sind. Für die eigene Führungsphilosophie lohnt sich trotzdem der Austausch mit anderen Frauen.
Für Anni gibt es keinen richtigen und keinen falschen Führungsstil. Es gibt auch Frauen mit einem härteren Stil, der wunderbar funktioniert. Entscheidend ist, dass du als du selbst zur Arbeit gehen kannst, ohne acht oder neun Stunden lang in eine Rolle zu schlüpfen.
Warum ein geschützter Raum unter Frauen hilft
Aus diesen Gedanken ist bei MINDSET MOVERS das Programm Align entstanden, das Anni entwickelt hat. Der Name steht für Führung im Einklang mit sich selbst. Das Format ist bewusst nur für Frauen gedacht. Im Alltag arbeiten die Teilnehmerinnen natürlich weiter mit Männern zusammen. Im Training fällt aber die leise Frage weg, ob etwas zu emotional wirkt, und dadurch entsteht mehr Tiefe. Arne kennt das aus allen Trainings. Ein Training ist nur so gut wie das Vertrauen im Raum, denn erst dann sprechen Menschen über die echten Themen statt über die Fassade.
Anni hat das Programm in drei Schritten aufgebaut. Zuerst kommt die Bestandsaufnahme, also was schon funktioniert und was sich unstimmig anfühlt. Danach geht es eine Etage tiefer zu den Prägungen, Überzeugungen und Glaubenssätzen, die aus der eigenen Geschichte und aus der Gesellschaft stammen. Zum Schluss steht die Neuausrichtung mit Wertearbeit und einem klaren persönlichen Führungsstil. Die Gruppe ist auf zwölf Teilnehmerinnen begrenzt, damit schnell Vertrauen entsteht und trotzdem genug Erfahrungen zusammenkommen. Persönliche Themen haben zusätzlich Platz in einem Einzelcoaching mit Anni.
Klarheit zeigen in schwierigen Gesprächen
Ein großer Teil der Arbeit liegt im Üben. Wer stimmig führt, spricht öfter an, was nicht funktioniert, und grenzt sich klarer ab. Anni und Arne können sich vorstellen, dafür auch einen männlichen Part einzubinden, weil manche dieser Gespräche mit Männern stattfinden. Das passt zum roten Faden aller Trainings von MINDSET MOVERS. Führung bedeutet im operativen Alltag, schwierige Gespräche erfolgreich zu führen und mit herausfordernden Situationen immer souveräner umzugehen.
Wie sagst du einem Kollegen klar, was nicht passt, ohne in der Schublade „zickig“ zu landen? Im DialogLab kannst du genau dieses Gespräch üben, bis sich deine Worte nach dir anfühlen.
Wenn du an deiner Führungsrolle insgesamt arbeiten willst, begleitet dich das Leadership Training REFLECT zwölf Wochen lang online. Dort ist das Führen schwieriger Gespräche ebenfalls der Kern, und viele Teilnehmende entdecken im Führungskräftetraining REFLECT, wie sie klar führen und dabei sie selbst bleiben. In den kostenlosen Webinaren kannst du in viele dieser Themen erst einmal reinschnuppern.

