Mitarbeitergespräch vorbereiten: Die Frage, die fast alle auslassen
Leistung im letzten Quartal, Vereinbarungen, Ziele, Weiterentwicklung. So sieht bei den meisten Führungskräften die Vorbereitung auf ein Mitarbeitergespräch aus. Das ist richtig und wichtig. Es ist aber nur die eine Seite der Medaille.
Die andere Seite steht in keinem Gesprächsleitfaden. Sie besteht aus einer einzigen Frage. Was denke ich eigentlich wirklich über diesen Menschen? Arne und Jörg halten das Auslassen dieser Frage für den Fehler, den fast alle machen, und widmen ihm eine Folge im Podcast Wirksam führen. Aus der Antwort leitet sich auch der beste Einstieg ins Gespräch ab.
Der Pygmalion-Effekt: Was die Ratten im Irrgarten zeigen
Die beiden erzählen von einem Experiment des Forschers Robert Rosenthal aus den 60er Jahren. Studierende sollten Laborratten durch einen komplexen Irrgarten ins Ziel bringen. Der einen Hälfte sagte man, ihre Ratte sei extra dafür gezüchtet und besonders schlau. Der anderen Hälfte sagte man, sie habe eine besonders dumme Ratte erwischt.
Die erste Gruppe war geduldig, sprach mit den Tieren und probierte verschiedene Wege aus. Ihre Ratten kamen ans Ziel, und das relativ schnell. Die zweite Gruppe war ungeduldig, gab schnell auf und war frustriert. Die lernen es ja eh nicht. Fast keine ihrer Ratten kam an. Dabei stammten alle Tiere aus einem Wurf und waren gleich intelligent. Untersucht wurde in Wahrheit der Mensch.
Ein ähnlicher Versuch lief 1965 an amerikanischen Grundschulen. Lehrkräften wurde gesagt, bei bestimmten Kindern sei ein Leistungssprung zu erwarten. Die Kinder waren willkürlich ausgewählt und schnitten am Ende trotzdem besser ab. Wer glaubt, eine kluge Schülerin vor sich zu haben, die die erste Erklärung zur Integralrechnung nicht verstanden hat, probiert eben einen anderen Ansatz. Wer glaubt, sie schnalle es ohnehin nicht, gibt auf.
Die beiden erwähnen außerdem eine Studie aus Deutschland, nach der sogar Vornamen die Schulnoten beeinflussen. Im Jugendfußball zeigt es sich genauso. Manche Trainer schaffen es, das Potenzial der Jungs hervorzulocken, und die trauen sich plötzlich mehr zu. Viele Profisportler sagen, dass sie aufblühen, wenn der Trainer ihnen vertraut.
Was du über die Menschen denkst, die du führst, bewahrheitet sich wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Wie dein Bild vom Mitarbeiter das Gespräch färbt
Management und Führung sind zwei verschiedene Dinge. Bei Führung geht es um Menschen. Wenn du sie gemeinsam zum Erfolg führen sollst, macht es einen großen Unterschied, welches Etikett du ihnen gibst. Ist jemand ein fauler Hund, oder ist er clever und macht nur das Nötigste? Ist der Kollege mit den kritischen Fragen nervig, oder ist er neugierig und ein Freigeist?
Mit einer negativen Meinung wirst du im Gespräch schneller pampig, vorwurfsvoll oder genervt. Das gilt auch in die andere Richtung. Jörg beschreibt den Fall, in dem du denkst, da sitzt dein bestes Pferd im Stall, hoffentlich kündigt sie nie. Dann sprichst du wichtige Dinge vielleicht gar nicht an, aus Sorge, sie zu verärgern. Du wirst unklar. Im ungünstigsten Fall denkt sie irgendwann, dass sie hier nie kritisches Feedback bekommt, und sucht sich einen Ort, an dem mehr Entwicklung verlangt wird. Wie stark deine Erwartungen die Leistung prägen, besprechen die beiden auch in der Folge Schlaue und dumme Mitarbeiter.
Stell dir deshalb die Überprüfungsfrage. Stimmt, was ich über diesen Menschen denke? Oder beruht es auf einem selektiven Ausschnitt von ein, zwei Erfahrungen? Ein Urteil wie unpünktlich, faul oder unzuverlässig ist im Grunde ein Vorwurf, und er steht zwischen euch. Prüfe ihn, indem du dich an Situationen erinnerst, in denen die Person fleißig war oder zuverlässig erledigt hat, was ein Kunde, ein Kollege oder du verlangt hast. Genau dieses Reflektieren und Überprüfen steckt auch im Namen des Leadership Trainings REFLECT.
Das gilt auch zu Hause. Vielleicht hältst du deine Tochter für unselbstständig, weil du sie bei den Hausaufgaben antreiben musst. Und gleichzeitig kümmert sie sich ganz allein um den Hund. Wer ein Etikett vergeben hat, übersieht leicht, was der andere besonders gut kann.
Das Bild prägt dein konkretes Verhalten. Gab es ein Missverständnis, fragst du dich entweder, ob du schlecht gebrieft hast, oder du hältst dein Gegenüber für zu stumpf. Das sind zwei völlig unterschiedliche Standpunkte, und sie führen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Die beiden zitieren dazu einen Satz, den sie Henry Ford zuschreiben. Ob du glaubst, du schaffst es, oder ob du glaubst, du schaffst es nicht, du wirst recht behalten.
Warum ein negatives Urteil so hartnäckig ist
Wir labeln Menschen ständig, weil es das Leben einfacher macht. Die beiden verweisen auf Kim Cameron aus der Positive Leadership Forschung in den USA. Nach seiner Forschung reichen drei Situationen, die du als negativ bewertest, und du siehst einen Menschen negativ. Um ihn wieder positiv zu sehen, brauchst du sieben positive. Einen negativen Stempel wieder loszuwerden, ist also ungefähr doppelt so aufwendig.
Skepsis scheint in uns eingebaut zu sein. Wer bei einem Rascheln auf der Lichtung an ein Kaninchen dachte und es war ein Löwe, wurde eben nicht unser Vorfahre. Du kannst Menschen trotzdem bewusst positiv sehen. Das kostet etwas Anstrengung, und vor einem Mitarbeitergespräch lohnt sie sich besonders.
Eine positive Zuschreibung wirkt laut den beiden sogar besser als eine neutrale Haltung. Jörg begegnet jedem Menschen erst einmal mit der Annahme, dass er genau richtig ist, so wie er ist. Wenn du die Leute in deinem Team als schlaue, leistungsfähige Menschen siehst, die gute Ergebnisse wollen, wirkt sich das aus. Und wenn jemand nicht auf eine Stelle passt, kann das an der Stellenbeschreibung liegen und hat mit dem Menschen wenig zu tun.
Der beste Einstieg ins Mitarbeitergespräch: eine Absicht für eure Beziehung
Ziele und Weiterentwicklung hast du ohnehin vorbereitet. Schau zusätzlich auf die Beziehungsebene und formuliere eine Intention. Was ist dir mit diesem Menschen für die Zukunft wichtig?
Habt ihr es euch zuletzt schwer gemacht, könnte deine Absicht sein, es euch wieder leichter zu machen. Gab es Streit und Vorwürfe, ist Vollständigkeit eine gute Absicht. Gab es immer wieder Missverständnisse, passt Klarheit.
Diese Absicht sprichst du gleich zu Beginn aus. Zum Beispiel so. „Thomas, mir ist total wichtig, dass wir es uns in Zukunft leichter machen. Ich habe den Eindruck, das hatten wir nicht immer.“
Damit ist dein roter Faden gesetzt. Über Leistung und Entwicklung sprecht ihr trotzdem, immer vor dem Hintergrund dieser Absicht. Am Ende prüfst du, ob das Gespräch darauf eingezahlt hat. Wie du so einen Faden hältst, besprechen Arne und Jörg in Der rote Faden in Mitarbeitergesprächen. Weitere Ideen für die ersten Minuten findest du in der Folge Mitarbeitergespräch richtig starten.
Den ersten Satz mit deiner Absicht laut auszusprechen, fühlt sich anfangs ungewohnt an. Genau diesen Moment kannst du vorher in einem Gesprächstraining mit einer KI durchspielen, bis er dir leicht über die Lippen geht.
Retention-Gespräch: Wenn du eine gute Mitarbeiterin halten willst
Jörg bringt ein eigenes Beispiel. Er wollte eine richtig gute Mitarbeiterin auf keinen Fall verlieren. Seine Absicht für das Gespräch war, herauszufinden, wie stark sie mit dem Unternehmen verbunden ist, und mit ihr zu vereinbaren, dass sie die nächsten 12 bis 24 Monate an Bord bleibt.
Solche Gespräche trainieren die beiden im zwölfwöchigen Führungstraining REFLECT und in Inhouse-Trainings für größere Unternehmen mit Gruppen von acht bis zehn Leuten. Ein Kunde aus dem Beratungsumfeld sitzt in einer Großstadt, in der gute Leute rar sind. Eine Stelle nachzubesetzen kostet dort schnell 20.000 bis 60.000 Euro für Headhunter. Schon in den ersten Wochen des Trainings gab es messbare Erfolge. Leute, die bereits angekündigt hatten zu gehen, sind geblieben, zumindest für eine gewisse Zeit.
Das Bleibegespräch mit deiner wichtigsten Mitarbeiterin kannst du vorher im DialogLab üben. Wenn dich ein Urteil über einen bestimmten Mitarbeiter nicht loslässt, hilft ein Blick von außen im Coaching bei MINDSET MOVERS. Und wer die Haltung erst einmal kennenlernen will, schaut in eines der kostenlosen Webinare rein.

