Im Flow sein.

Was ist ein Flowzustand und wie erreiche ich ihn?


Scheiße. Ich sitze vor einer leeren Seite, auf der genau ein Wort steht: Flow.

Ja toll, Flow. Mein Text sollte eigentlich längst fertig sein, aber bei mir flowt’s gerade so gar nicht. Die leere Seite auf meinem Bildschirm starrt mich an, ich starre zurück, sie starrt weiter… ich geb den Kampf auf. Erstmal Pause am Handy gönnen.

Heute ist einer dieser Tage, an denen’s einfach nicht läuft. Mir fehlt die Inspiration, ich halte mich viel zu lange an Kleinigkeiten oder unwichtigen Dingen auf und nutze jede Gelegenheit, um mich abzulenken. Stress macht sich breit. Mein Gedanke: Wenn ich heute schon den Text nicht zustande bringe, muss ich wenigstens auf irgendeiner anderen Ebene sichtbare Ergebnisse zeigen. Selbsterzeugter Leistungsdruck, nice.

Im Kopf hab ich plötzlich Deadlines, Ängste und Zweifel. Ich werde hibbelig und ungeduldig. Vor den kleinsten Hindernissen bleibe ich einfach stehen und drehe direkt wieder um. Der Tag rennt an mir vorbei und irgendwann fühlt es sich fast an, als würde er mich jagen. Oder jag ich mich selbst?

20 Uhr, Arbeit ist längst vorbei. Ich fühle mich kraftlos und enttäuscht von mir selbst. Wieder wichtige To Do’s auf morgen verschoben. Wieder kein Stück weitergekommen, immer noch alles genauso wie gestern. Und das, obwohl ich so erschöpft bin.

Und dann sitze ich da an meinem Fenster. Es ist still, weil mein Handyakku leer ist und ich zu faul bin, die 5 Schritte zum Ladekabel zu gehen. Ich sehe auf die sonst so laute Straße, die jetzt ganz leer ist. Ich tue gar nichts. Keine Musik, kein Podcast, kein Kaffee, kein Handy. Ich sitze nur so da, mein Kopf ist ganz frei.

Und plötzlich passiert etwas: Ich fange an, zu schreiben. Einfach so. Fast als würde ich nicht mal selbst bemerken, was ich hier gerade tue. 3 Stunden später ist mein Text fertig und es hat sich angefühlt wie 30 Minuten.

Wieso war das plötzlich so einfach?


Flow.

Flow – geiles Wort, wie ich finde, denn es beschreibt genau, was es meint: alles fließt, alles wird eins. Dinge erledigen sich scheinbar von allein, man muss es nur geschehen lassen. Genau das ist es, was passiert ist, als ich mich entschieden habe, loszulassen: ich bin in einen Flowzustand gekommen.


Was ist ein Flowzustand?


Flow ist das angenehme Gefühl, mit voller Konzentration in einer Sache aufzugehen und dabei Raum und Zeit zu vergessen. Fast wie ein Rausch, bei dem man so wach und konzentriert ist, so inspiriert und voller Tatenkraft, dass man, wenn es vorbei ist, erstaunt über sein eigenes Schaffen ist. Flow als Begriff, wie wir ihn mittlerweile benutzen, oft auch im Kontext „Workflow“, wurde geprägt durch den Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi (1934–2021). Dieser hat den Flowzustand mittels qualitativer Interviews und Beobachtungen untersucht und seine Erkenntnisse in einer Flow-Theorie festgehalten. Und obwohl auch hier natürlich wieder gilt: Flow-Erleben und Flow-Zugang sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich, gibt es einige prägnante Merkmale und Rahmenbedingungen, die das Eintreten eines Flows sehr wahrscheinlich machen.*(1)*(2)


Wie erreiche ich einen Flowzustand?


First of all: Ein Flow ist ein temporärer Zustand, kein Prozess. Stimmt das "Setting", tauchen wir einfach so in ihn ein, ohne es aktiv zu merken und ohne ihn zu erzwingen das können wir auch überhaupt nicht. Es gibt keine Abfolge von Handlungsschritten, die uns in den Flowzustand führt, aber wir können einen Rahmen schaffen, in dem dieser durchaus möglich ist.


1. Volle Konzentration


Ein Flow ist gekennzeichnet durch die vollständige Konzentration auf eine Sache. Bedeutet: Wenn wir in den Flowzustand kommen wollen, dürfen wir zuerst mal dafür sorgen, alle möglichen Ablenkungen zu beseitigen, um unseren Fokus halten zu können. Äußere Reize wie das Aufleuchten des Handys oder innere Reize wie negative Gedanken beanspruchen schnell unsere Aufmerksamkeit und Puff – schon wars das mit dem Flow.


Übrigens: Der größte Feind des Flowzustandes ist unser schnelllebiger Alltag. Fehlende Achtsamkeit und das Jagen des schnellen Glücks führen dazu, dass unsere Handlungen an Tiefe und Bedeutung verlieren. Wir sind daran gewöhnt, ständig alles auf Knopfdruck parat zu haben und immer mehrere Dinge auf einmal zu erledigen, am besten möglichst schnell. Wir sind reizüberflutet. Wir wollen aber keine Flut, sondern einen Flow. Wir sollten daher anfangen, Dinge wieder bewusst auszuführen. Achtsamkeit ist hier das Stichwort.


2. Leben im Hier & Jetzt

Das Schulen von Achtsamkeit hilft uns auch dabei, den Fokus mehr auf den gegenwärtigen Moment zu lenken, statt ständig gedanklich in der Zukunft oder Vergangenheit abzuhängen. Das ist deshalb wichtig, weil es im Flow weder Zukunft noch Vergangenheit gibt. Ein Flowzustand zeichnet sich nämlich vor allem dadurch aus, dass wir in ihm jegliche Zeit vergessen und uns voll und ganz dem gegenwärtigen Augenblick hingeben.


So kommt auch die verzerrte Zeitwahrnehmung zustande, in der die Stunden und Minuten an uns vorbeirasen, ohne dass wir es überhaupt bemerken, geschweige denn uns dafür interessieren. Merke: Um in einen Flow zu kommen, dürfen wir den Moment leben.


3. Ziel- & Handlungsklarheit


Was den Flowzustand für uns so angenehm und attraktiv macht, ist vor allem eins: seine Mühelosigkeit. Sind wir im Flow, dann scheint es fast so, als müssten wir gar keine Anstrengung aufwenden, als würde sich die Arbeit von ganz allein erledigen. Das liegt an der Ziel- und Handlungsklarheit, die ein Flow ganz natürlich mit sich bringt: Im Flow wissen wir immer ganz genau, was als nächstes zu tun ist.


Jeder Schritt ist intuitiv klar. Wir fließen quasi durch die Aufgabe. Step by step erledigen wir eine Sache nach der anderen und haben dabei eine instinktive Klarheit über jede Handlung und jedes weitere Ziel. Wir haben die völlige Kontrolle über die Situation, darüber, was wir als nächstes tun und wie wir es tun. Bedeutet: klar definierte (Teil-)Ziele und Handlungsschritte können einen Flowzustand begünstigen.


Übrigens: Das Gefühl der Klarheit und Kontrolle verflüchtigt sich gerne, sobald wir auf ein Hindernis treffen. Wichtig ist hier, sich nicht von Ängsten und Zweifeln überrollen zu lassen, sondern aktiv die Kontrolle über die Situation zu behalten. Das gelingt zum Beispiel, indem wir unsere Gedanken bewusst steuern und auf das Naheliegende lenken. Komm raus aus deinem Kopf und wieder rein ins Hier und Jetzt: Was ist der nächste naheliegendste Schritt in deiner Arbeit, um diese Herausforderung zu bewältigen?

4. Herausforderung & Machbarkeit


Die Mühelosigkeit stellt sich immer nur dann ein, wenn unsere Aufgabe die Waage aus Herausforderung und Machbarkeit hält. Konkret heißt das: die Tätigkeit, der wir nachgehen, darf weder zu schwer, noch zu leicht sein, um in einen Flowzustand zu kommen.


Ist sie zu schwer, fühlen wir uns überfordert und verlieren die Leichtigkeit und Klarheit. Im schlimmsten Fall kommen sogar Ängste und Selbstzweifel hinzu. Ist sie zu leicht, schleicht sich Langeweile ein. Erst wenn ich weder über- noch unterfordert bin, kann ich mich ganz meiner Tätigkeit hingeben. Die Balance aus Anforderung und eigenen Fähigkeiten ist für einen Flow also entscheidend.


Mihály Csíkszentmihályi betont in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung des Spielerischen. Viele Menschen kommen in einen Flowzustand, wenn sie ihre Aufgaben spielerisch und unvoreingenommen angehen, also kreativ und gestalterisch aktiv werden, statt diese als "reine Arbeit" zu betrachten. Das funktioniert natürlich umso besser, je mehr ich zu einer Aufgabe intrinsisch motiviert bin.


5. Intrinsische Motivation


In der Motivationspsychologie unterscheidet man häufig zwischen Tätigkeitsanreizen und Folgeanreizen/Zweckanreizen. Das Flow-Phänomen entsteht in der Regel unter der Voraussetzung eines Tätigkeitsanreizes. Bedeutet: die Handlung wird der Handlung wegen ausgeführt. Oder auch: die Handlung selbst stellt den Anreiz dar, z.B. weil sie mich erfüllt oder weil sie sich gut anfühlt, nicht aber wegen ihrer möglichen Folgen (z.B. soziale oder materielle Belohnung oder Bestrafung).


Werden wir zu sehr von äußeren Anreizen, wie Geld, Einfluss oder Status, geleitet, sind wir oft nicht "bei uns", denn in unserem Kopf kreisen Gedanken à la "Wie wird meine Arbeit ankommen?"/"Was werden die anderen denken?". So wird es uns immer schwerfallen, vollkommen in eine Tätigkeit einzutauchen. Damit wir uns der Aufgabe angst- und sorglos stellen können, dürfen wir Erwartungen an Erfolg und Leistung loslassen. Nur so wird es uns gelingen, in einen Flow zu kommen.


Kurz: Wer einen Flowzustand erreichen möchte, braucht einen intrinsischen Antrieb für sein*ihr Tun.

Alles eine Frage der Einstellung.


Flow ist Einstellungssache. Als ich da so an meinem Fenster saß, habe ich alle erfolgs- und leistungsgetriebenen Gedanken losgelassen. Wie mein Text bei anderen ankommt, war mir in diesem Moment völlig egal, ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Ich hatte einen Impuls und bin ihm gefolgt: "Der Gedanke gerade ist wichtig, den schreib ich mal auf" war alles, was mich geleitet hat. Von da an ist alles von ganz allein passiert.

 

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Die Inhalte aus dem Blogartikel findest du hier:


*(1) Mihaly Csikszentmihalyi (2014): Flow – der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie. Herder.


*(2) Mihaly Csikszentmihalyi (2017): Flow: das Geheimnis des Glücks. 8. Auflage. Klett-Cotta.

 

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