Ganz "normale" Vorurteile.

Aktualisiert: Aug 10

Vorurteile hat jeder. Sie degradieren andere und schränken unsere Perspektive ein. Ein Blick darauf, woher Vorurteile kommen, könnte dabei helfen, anderen Menschen offener gegenüber zu treten. Und das können wir wirklich gebrauchen.

Ganz "normale" Vorurteile

Und in welche Schublade gehörst Du? Wir sind absolute Profis, wenn es darum geht, uns vorschnell ein Urteil über andere zu bilden. Unsere Schubladen öffnen und schließen sich so schnell und so leise, dass wir es meistens nicht mal merken. Das ist okay. Schließlich sind wir alle nur Menschen und machen das auch nicht ohne Grund. Vorurteile können aber auch schnell ziemlich übel werden. Und wenn wir andere aufgrund irgendwelcher Merkmale verurteilen, blockieren wir etwas, das wir alle in unserem festgefahrenen Alltag nur allzu gut gebrauchen können: Die Vielfalt und Einzigartigkeit jedes Einzelnen. Vielleicht hilft dieser Artikel dabei, Vorurteile ein bisschen besser zu verstehen und den eigenen Umgang mit ihnen achtsam und reflektiert zu beobachten. Das wäre nämlich mal ziemlich cool.

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Wie entstehen Vorurteile? In diese Frage hat sich die Vorurteilsforschung wirklich reingekniet. Von Theorien, die hauptsächlich Sozialisationsprozesse unter die Lupe nehmen*(1, 2) über Modelle, die Vorurteile mit kognitiven Abläufen begründen*(3, 4) bis hin zu Ansätzen, die auf kollektive Zuordnungs- und Abgrenzungsprozesse verweisen *(5, 6, 7), hat die Wissenschaft nahezu jeden Bereich abgedeckt.

Um diese Ansätze soll es in diesem Text nicht gehen. Wer sich für sie interessiert, findet unten die entsprechende Literatur. Dieser Artikel soll Dir einen neuen Blickwinkel anbieten. Denn die meisten sind in ihrem Alltag eher unachtsam für tiefsitzende Glaubenssätze. Das ändern wir heute.


Wieso haben wir Vorurteile?


Das Wort „Vorurteil“ ist eher negativ behaftet, oder? Sehen oder hören wir es, assoziieren wir damit meist etwas Schlechtes. Durch diesen normativen Charakter rückt allerdings die Tatsache in den Hintergrund, dass Vorurteile nicht zwangsläufig negativ sein müssen und außerdem für unseren Alltag extrem wichtig sind.

Was ist damit gemeint? Dazu müssen wir ein bisschen ausholen und erst einmal klären, was genau soziale Wahrnehmung ist und wie sie funktioniert.


Soziale Wahrnehmung:


Um uns einen Eindruck von einer bestimmten Situation und den Menschen darin zu verschaffen, steht uns eine Masse an Eindrücken und Informationen zur Verfügung. Welche davon wir filtern, wie wir diese kombinieren, integrieren und interpretieren - dieser Prozess ist soziale Wahrnehmung*(8).


Unsere Wahrnehmung ist durch 3 wichtige Merkmale*(9) charakterisiert, über die sich jeder bewusst sein sollte:


Selektivität: Wir nehmen niemals die volle Komplexität unserer Lebenswelt wahr, sondern immer nur einen kleinen Ausschnitt davon.


Subjektivität: Jeder sieht die Welt durch seine Augen und erfährt die Dinge um sich herum daher auf eine eigene Art und Weise.


Inferenz: Ein beobachtetes Merkmal verweist in unseren Köpfen in der Regel auf ein anderes Merkmal.


Dieses Wissen behalten wir jetzt im Hinterkopf und gehen noch tiefer rein: Unsere soziale Wahrnehmung kann nämlich auf zweierlei Weise erfolgen: automatisch und unbewusst oder kontrolliert und bewusst*(9).


Die meiste Zeit über denken wir unbewusst. Mechanisch und mühelos nehmen wir den ganzen Tag lang Bilder aus unserer Umwelt auf und ordnen diese den Schemata zu, die wir im Laufe unseres Lebens abgespeichert haben. Wird ein Schema zu einem bestimmten Eindruck aktiviert, stellt es uns die "passenden" Informationen zur Verfügung. So wissen wir ganz genau, was in der jeweiligen Situation zu tun ist, wie wir uns zu verhalten und was wir zu sagen haben.


Gibt mir jemand ein mit Papier und Schleife verziertes Päckchen, weiß ich in Millisekundenschnelle: Da gibt mir jemand gerade ein Geschenk und ich sollte mich bedanken. Bin ich im Supermarkt an der Kasse und sehe eine Person, die meine Artikel übers Band zieht und ein Namensschild trägt, weiß ich: Das ist ein*e Kassierer*in. Ich sage freundlich „Guten Tag“, zahle den verlangten Betrag, packe meine Sachen ein und verabschiede mich. Ich beschränke die Kommunikation auf ein Minimum, weil ich genau weiß, dass es in dieser Situation nicht angebracht ist, ein Gespräch über den Sinn des Lebens anzufangen.


Heißt: Ich habe ein Bild aufgenommen, die passenden Schemata wurden aktiviert und ich konnte die Situation sofort einordnen und mein Verhalten anpassen. Das alles sind Vorurteile. Oder eher Vorannahmen. Ich brauche sie, um meinen Alltag zu meistern. So kann ich die Komplexität der unzähligen täglichen Eindrücke leichter verarbeiten. Erst so wird soziale Interaktion überhaupt möglich.


Stoßen wir allerdings mit diesem automatischen Denken an unsere Grenzen, wird das bewusste Denken aktiviert. Dieses ist mit einem viel höheren Energieaufwand verbunden und nimmt wesentlich mehr Zeit in Anspruch. Es kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn Situationen völlig unbekannt sind oder das automatische Denken in Frage gestellt wird. Also dann, wenn ich eine Erfahrung mache, die zu keinem meiner Schemata passt. In diesem Fall stellen wir den Autopiloten ab und schalten unsere kontrollierte Wahrnehmung ein, mit deren Hilfe es uns gelingt, Situationen und eigene Gedanken zu reflektieren, uns ein umfassendes Bild zu verschaffen und fehlerhafte Annahmen zu korrigieren.


Vorurteile

Vorurteile - Wie entstehen sie?


Vorurteile schleichen sich vor allem dann ein, wenn ich auf Autopilot schalte und meine Gedankengänge nicht reflektiere. Aber wieso habe ich überhaupt diese Schemata in meinem Kopf? Woher kommt das?


Kurz und knapp: Von außen. Im Laufe meines Lebens bekomme ich all diese Informationen, die ich feinsäuberlich sortiert und in meinen Schubladen abgelegt habe, auf ganz unterschiedlichen Kanälen vermittelt. Die Denkmuster und Glaubenssätze, die ich in mir trage, mein gesamtes Wissen habe ich mir im Austausch mit meiner Umwelt angeeignet.


Das allein wäre aber zu einfach. Vorurteile greifen noch viel tiefer. Sie hängen nämlich ganz zentral mit unseren Vorstellungen von "Normalität" zusammen. Und hier ist es wichtig, zu begreifen, dass "Normalität" nur ein soziales Konstrukt ist. Das zu verinnerlichen, ist tatsächlich mehr als nur wertvoll. Darum machen wir einen kleinen Exkurs in die Soziologie.

Normalität ist nur eine Illusion.

Wir alle sind in einem ganz bestimmten und einzigartigen Kontext aufgewachsen. Innerhalb dieses Kontextes wurden wir sozialisiert, d.h. ohne es aktiv zu bemerken, haben wir gelernt, uns in die Welt um uns herum einzugliedern. Im Austausch mit ihr haben wir Wissen vermittelt bekommen, Verhaltensweisen erlernt, Denkmuster herausgebildet und Werte und Normen verinnerlicht. Nicht nur das, unsere Kultur hat auch unser Aussehen zentral geprägt, unseren Kleidungsstil, unsere Sprache, unsere Mimik und Gestik.


Die Beziehung zwischen uns und unserer Umwelt ist aber nicht einseitig, sondern eine Wechselwirkung. Indem wir uns jeden Tag genau so verhalten, wie wir es von klein auf vermittelt bekommen habe, formen wir unsere Umwelt genauso, wie diese uns formt. Wir können nicht ohne einander überleben.

Diese unhinterfragte wechselseitige Beziehung führt dazu, dass wir bestimmte „Normalitätsvorstellungen“ bezüglich des Aussehens und Verhaltens der anderen haben. Denn diese soziale Ordnung ist so allgegenwärtig und selbstverständlich, dass sie für uns „normal“ ist. Aber nichts davon ist "natürlich". Nichts davon hat universelle und allgemeine Gültigkeit oder Richtigkeit. Leider tun wir gerne so, als wäre genau das der Fall.


Was hat das mit Vorurteilen zu tun?


Diese vermeintliche Normalität beherrscht unseren Alltag, unser Denken und unser Handeln. Sie zieht still und heimlich im Hintergrund die Fäden und bestimmt grundlegend, wie wir über andere denken. Unsere Vorstellungen von Normalität beruhen vor allem darauf, was wir aus unserem sozialen Umfeld kennen und reproduzieren. Die körperlichen Merkmale und Verhaltensweisen, die dort dominieren sind „normal“. Diesen Glaubenssatz hinterfragen wir nicht. Wir bemerken ihn nicht mal. Und zwar so lange bis das "Normale" durchbrochen wird. Das passiert immer dann, wenn wir Merkmale oder Verhaltensweisen bei anderen wahrnehmen, die nicht in unser Bild von "Normalität" passen.


Genau diese Merkmale und Verhaltensweisen rücken dann sofort in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Wir wollen die „Normalität“ wiederherstellen und fangen an, in unseren Schubladen nach Informationen zu kramen. Jetzt kicken unsere Vorurteile so richtig rein. Automatisch und unbewusst drücken wir unserem Gegenüber den ersten Stempel auf, den wir finden können. Dabei hängen wir uns an diesem einen Merkmal oder dieser einen Handlung auf, aktivieren die Schemata, die wir dazu haben und ZACK – Plötzlich wissen wir alles, was wir wissen müssen. Denken wir zumindest. Meist belassen wir es dabei. Es kommt uns nur selten in den Sinn, diesen Prozess zu reflektieren. Und richtig mies wird es, wenn Ungleichheitsideologien unseren Kategorisierungsprozess leiten.

Ungleichheitsideologien müssen sich in Luft auflösen.

Sie sind tradierte Einstellungen und welterklärende Denkmuster, die fest in gesellschaftliche Strukturen integriert sind, über die Zeit hinweg Bestand haben und die Existenz sozialer Ungleichheit erklären und legitimieren. Bezugspunkt sind körperliche und soziale Merkmale wie z.B. die Hautfarbe, das Geschlecht oder die Sexualität. Sie implizieren bestimmte allgemeingültige Annahmen und Wertungen über die Träger*innen solcher Eigenschaften, ohne dabei tatsächliche Fakten außerhalb dieses Merkmals überhaupt zu berücksichtigen.


In diesem Kontext sind Menschen keine Individuen, sondern Zugehörige einer Gruppe. Ungleichheitsideologien gehen mit (negativen) Vorurteilen einher und führen zu Abwertung und Diskriminierung. Rassismus oder Sexismus sind Beispiele für Ungleichheitsideologien. Vom Menschen selbst erzeugte Ungleichheiten werden dann als unveränderliche, schon immer da gewesene genetische Merkmale dargestellt*(11). Auf diese Weise werden negative Vorurteile einfach legitimiert und als einzige Wahrheit ohne zu überlegen akzeptiert. Tiefsitzende Glaubenssätze darüber, bestimmte körperliche oder soziale Merkmale würden mit irgendwelchen Charaktereigenschaften zusammenhängen, sind giftig. Dieses "Wissen" ist uns in den allermeisten Fällen nur von der Gesellschaft eingetrichtert worden oder auf nur sehr unzureichende Erfahrungen zurückzuführen. Gegenteilige Erlebnisse, die nicht zu diesem "Wissen" passen werden meist ignoriert. Und was soll ich sagen, Leute - Das geht so nicht.


Vorurteile

Vorurteile machen uns das Leben einfach. Vor allem aber schützen sie unser Weltbild. Denn das ist es, was passiert, wenn jemand andere Dinge tut oder anders aussieht, als wir es gewohnt sind: Es greift unser Weltbild an. Es lockt uns aus unserer Komfortzone heraus, fordert uns auf, unsere Perspektive zu erweitern. Es zeigt uns, dass unsere Realität nicht die einzige ist und es da draußen unzählige Möglichkeiten gibt. Das ist anstrengend und macht uns Angst. Wir wollen in unserem kuscheligen Alltag nur ungern gestört werden. Aber schauen wir ab und an mal über unseren Tellerrand hinaus, merken wir vielleicht, dass unser Weltbild gar nicht angegriffen, sondern erweitert wird. Menschliche Vielfalt ist etwas Gutes.


Und ja, andere labeln zu wollen ist ganz "normal". Aber es ist eben entscheidend, wie wir damit umgehen. Wir haben die Fähigkeit zum bewussten Denken. Die sollten wir nutzen. Beobachte Deine Gedankengänge achtsam. Hinterfrag Dich und Deine Glaubenssätze. Mach dir bewusst, wie viel davon Du einfach aus Deiner Bubble übernommen hast. Denk daran, dass Deine Wahrnehmung subjektiv und selektiv ist. Sei offen für Erfahrungen, die im Gegensatz zu dem stehen, was du bereits kennst und erweitere Deine Schemata jeden Tag. Dann gehen wir liebevoller mit den Menschen um und diese gehen liebevoller mit uns um. Dann können wir ganz wir selbst sein und andere können das auch. Leg Deine Vorurteile ab. Du brauchst sie nicht mehr. Und sonst auch niemand.

Quellen:


*(1) vgl. Adorno, Theodor W./ Frenkel‐Brunswik, Else/ Levinson, Daniel J./ Sanford, R. Nevitt (1950): The authoritarian personality. New York: Harper.


*(2) vgl. Altemeyer, Bob (1998). The other ‘authoritarian personality’. In: Advances in experimental social psychology. Jg. 30. San Diego, CA: Academic Press.


*(3) vgl. Tajfel, Henri/ Wilkes, A. L. (1963): Classification and Quantitative Judgement. In: British Journal of Psychology. Jg. 54. Heft 2. New Jersey: Wiley-Blackwell.


*(4) vgl. Hamilton, David L./ Gifford, Robert K. (1976): Illusory correlation in interpersonal perception: A cognitive basis of stereotypic judgments. In: Journal of Experimental Social Psychology. Jg. 12. Heft 4. Amsterdam: Elsevier.


*(5) vgl. Sherif, Muzafer/ Harvey, O. J./ White, B. Jack/ Hood, William R./ Sherif, Carolyn W. (1961): Intergroup cooperation and competition: The Robbers Cave experiment. Norman, OK: University of Oklahoma.


*(6) vgl. Runciman, Walter Garrison (1966). Relative deprivation and social justice: A study of attitudes to social inequality in twentieth‐century England. London: Routledge & Kegan Paul.


*(7) vgl. Marques, José M./ Yzerbyt, Vincent Y./ Leyens, Jacques‐Philippe (1988): The ‘Black Sheep Effect’: Extremity of judgments towards ingroup members as a function of group identification. European Journal of Social Psychology, Jg. 18. Heft 1. UK: John Wiley & Sons.


*(8) vgl. Werth, Lioba/ Denzler, Markus/ Mayer, Jennifer (2020): Sozialpsychologie – Das Individuum im sozialen Kontext. Springer, Berlin, Heidelberg.


*(9) vgl. Johann, Thomas/ Buchholz, Holger (2011): Soziale Wahrnehmung I: Wie beurteilen wir unsere Umwelt? In: Johann, Thomas (Hrsg.): Mitarbeiter erfolgreich führen. Psychologische Grundlagen und praktische Beispiele. Wiesbaden: Gabler Verlag/ Springer.


*(10) vgl. Pates, Rebecca/ Schmidt, Daniel/ Karawanskij, Susanne/ Liebscher, Doris/ Fritzsche, Heike (2010): Antidiskriminierungspädagogik. Konzepte und Methoden für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Wiesbaden: VS Verlag.


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