Und action: Das Schauspiel "Bewerbungsgespräch"

21.05.2022
, von Katharina Lehmann

Bewerbungsgespräche sind nur Show. Trotzdem werden sie seit Jahrzehnten nach demselben Muster geführt – Ein Konzept, das so langsam an seine Grenzen kommt.

 

 

Es ist 13:58 Uhr. Ich sitze in einem grauen Flur. Neben mir steht ein riesiges Kopiergerät, an dem eine Praktikantin versucht, herauszufinden, wieso ihr Dokument nicht gedruckt wird. Mir ist heiß. Draußen sind 24 Grad und ich trage eine lange Hose und eine komische Bluse mit blödem Stoff, die an mir klebt und am Rücken kratzt. Nie im Leben würde ich sonst sowas anziehen, aber das gehört halt zu meinem Kostüm für meine Rolle: "Frisch gebackene Masterabsolventin auf der Suche nach einem Job – am besten irgendwas mit Medien".

 

 

Die Tür geht auf, ich werde hineingebeten. Spotlight on me – es geht los. Ich bin etwas nervös. Von einem großen Tisch aus gucken mich vier Leute an. VIER. Gut, jetzt bin ich nicht mehr "etwas nervös". Jetzt bin ich scheiße nervös. Vier Leute. Müssen die nicht arbeiten oder so?

 

 

Alle stellen sich vor, ich konzentriere mich auf meinen Händedruck: nicht zu fest, nicht zu lasch und auf jeden Fall dabei in die Augen gucken – genau so, wie ich es vor 2 Jahren bei diesem Bewerbungstraining an der Uni gelernt habe. "Sind Sie gut angekommen? Alles schnell gefunden?" –"Ja." Mist. Smalltalk war noch nie meine Stärke.

 

 

Die Chefin liest mir die Website des Unternehmens, verpackt in einer PowerPoint-Präsentation vor, ebenso wie die Stellenanzeige. Unnötig, habe beides bereits bis ins kleinste Detail studiert. Der Typ rechts neben der Chefin, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, sieht mir die ganze Zeit dabei zu, wie ich bei der Präsentation zusehe. Gar nicht unangenehm.

 

 

Dann geht das Verhör los: „Also Frau Lehmann, so viel zu uns. Dann erzählen Sie jetzt mal was von sich." Easy. Ich rattere den Text runter, den ich vorher einstudiert habe, greife dabei einige Punkte aus meinem Lebenslauf auf, aber nicht zu viele – soll ja keine Wiederholung meiner Bewerbungsmappe werden, die der Typ ganz rechts aufgeschlagen vor sich hat.

 

 

Aus einem Nebenjob, den ich damals nach zwei Wochen gekündigt habe, wird ein 3-monatiges Praktikum und meine doch eher bescheidenen Spanisch-Skills, die sich auf „vamos a la playa“ beschränken werden zu soliden Sprachkenntnissen. Das eine vergeudete Jahr an der Uni, als ich undurchdachterweise angefangen habe, BWL zu studieren, lasse ich aus und in meiner Freizeit betreibe ich plötzlich auch Sport.

 

 

Normalerweise lüge ich nicht. Im Vorstellungsgespräch macht das aber jeder. So hab ich's schon damals in der Schule gelernt. Sie nennen es "sich ins beste Licht rücken". Ich nenne es "lügen". Scheint wohl aber ein gesellschaftlich akzeptiertes Lügen zu sein. Ist okay für mich.

 

 

Wir klären kurz die Kompetenzen ab, die bei der neuen Stelle gefragt sind. Alle Fragen die mit „Können Sie denn auch...?“, „Haben Sie schon Erfahrung mit…?“ und „Könnten Sie sich auch vorstellen…?“ beginnen, beantworte ich provisorisch mit „Ja“. Beim letzten Vorstellungsgespräch habe ich den Fehler gemacht, ehrlich zu sein. Das passiert mir kein zweites Mal. Kann ja zur Not noch ein paar YouTube-Tutorials anschauen, bevor der Job dann losgeht.

 

 

„Frau Lehmann, das hier ist ja eine Stelle für eher kreative Leute. Sind sie denn trotzdem auch organisiert?“ Auf gar keinen Fall. – „Auf jeden Fall, Organisation ist mir sehr wichtig!“ - „Wie organisieren Sie sich denn?“ Mhh, wie organisieren sich organisierte Leute? Ich versuch’s mal: „Ja also, mein Terminkalender hilft mir dabei, den Überblick zu behalten und To-Do-Listen, die ich jeden Tag abhake, hab‘ ich auch!“

 

 

„Was haben Sie denn für einen Terminkalender?“ Okay, er bleibt hartnäckig. Was für ein Terminkalender? Was will der jetzt genau wissen? „Naja, einen ganz normalen, mit Wochenübersicht, Platz für Notizen, ...“ – „Einen ANALOGEN KALENDER? Sie sollen bei uns ja im digitalen Bereich tätig sein und Sie haben sich ja auch als digital affin beschrieben. Wieso haben Sie dann einen ANALOGEN KALENDER?“ Ach Gott. So lange aufgebaut, damit er mir diese Frage stellen kann. Was soll das? Will der mich aus der Reserve locken oder sowas? Stressfragen. Darüber hab ich was bei Karrierebibel gelesen. Ich bleibe gelassen und erkläre ihm, dass mir haptische Elemente bei meiner Organisation helfen. Vielleicht sollte ich das auch in echt mal ausprobieren.

 

 

„Ich hätte auch noch eine Frage“ – der Typ ganz rechts – „Nun haben Sie uns ja schon erzählt, was sie alles gut können. Was können sie denn überhaupt nicht?“ Die Schwächen-Frage. Der Klassiker. Ich weiß natürlich, wie’s läuft. Auf keinen Fall darf ich jetzt meine Schwächen aufzählen. Wäre ich ehrlich, müsste ich gestehen: „Es fällt mir manchmal schwer, den Fokus zu behalten und das mit der Organisation und dem Kalender und so war 'ne Lüge, ich bin echt krass mies in sowas“. Aber ich bin ja nicht bedeppert und erzähle stattdessen von meinem "nervigen, aber gerade noch so akzeptablen Perfektionismusdrang" und einem "Ordnungstick". Witzig.

 

 

„Dann Frau Lehmann, wollte ich noch fragen..., also, das hier ist ja erstmal nur eine Teilzeit-Stelle. Ist das denn okay für Sie?“ – „Ja, klar. Das find ich sogar ganz gut.“ MIST. Tarnung aufgeflogen. Vier Augenpaare sehen mich skeptisch an. Die eine Frau, die die ganze Zeit irgendwas schreibt, setzt ihren Stift ab und sieht zum ersten Mal hoch: „Wieso ist das GUT, wenn ich fragen darf?“ Ach toll, wie komm ich da jetzt wieder raus. Soll ich jetzt ehrlich sein und sagen, dass eine 40-Stunden-Woche in meinen Augen kein funktionierendes Konzept ist und ich meine Zeit wesentlich besser, als in einem nach Kaffee riechenden Büro verbringen kann?

 

 

Ich rede irgendwas von flexiblen Arbeitszeiten und dass jüngere Generationen heutzutage andere Vorstellungen von der Arbeitswelt haben und merke ziemlich schnell: Ich hab' verkackt. Beim nächsten Bewerbungsgespräch muss meine Rolle sitzen.

 

 

Wir klären noch irgendwas ab und dann ist das Gespräch nach 40 Minuten beendet. „Danke Frau Lehmann, wir melden uns.“ Glaub ich ja null dran.

 

 

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Was ich damit sagen will: Die allermeisten Vorstellungsgespräche sind wirklich absolut perfekt einstudierte Choreografien. Das Ganze ist ein riesen Theater. Bei so vielen steifen Regeln, so viel Druck, so viel „richtig“ und „falsch“, so viel „gut“ und „schlecht“, so viel Bewertung – Was soll man da anderes erwarten?

 

 

Vom Händedruck zu Beginn des Gesprächs bis hin zum Smalltalk am Ende ist jeder Ablauf standardisiert und erprobt. Die meisten lernen bereits in der Schule, wie diese Odyssee funktioniert: Nimm das Wasser an, Verschränk' die Beine nicht, Stell' möglichst viele interessierte Fragen. Wir kennen alle die Regeln. Das Internet ist voll mit Websites, die erklären, was man wann zu sagen hat, auf welche Fragen man vorbereitet sein muss und wie man seine Körpersprache richtig einsetzt.

 

 

Es gibt ganze Fragenkataloge mit Antwortmöglichkeiten zum Auswendiglernen. Leute, das ist doch kein Multiple Choice Test. Diese Art und Weise, Bewerbungsgespräche zu führen, mag eine Zeit lang ganz gut funktioniert haben. Eine Zeit, in der noch nicht jeder haargenau wusste, was wann im Gespräch passiert und wie darauf zu reagieren ist. Diese Zeiten haben sich aber geändert.

 

 

Denn was bewirkt dieses ganze Frage-Antwort-Spiel, wenn davon das Meiste nur Show ist? Was bringen all die kleinen Tricks, um herauszufinden, wie der Bewerber tickt, wenn der Bewerber diese Tricks alle längst kennt und für jede mögliche Situation eine Antwort parat hat? Die richtigen Leute fürs Unternehmen zu finden, wird so auf jeden Fall schwierig.

 

 

Außerdem: Die allermeisten Bewerbungsgespräche haben per se schon mal einen unangenehmen Vibe. Kommunikation auf Augenhöhe findet da zumindest nicht statt. Das Machtgefälle ist deutlich spürbar: Eine Seite stellt die Fragen und bewertet die Antworten. Die andere Seite wird genauestens gescannt und versucht, das zu sagen, was ihr Gegenüber hören will. Antworten, die von der gesellschaftlich akzeptierten Norm abweichen, wie etwa "Ich arbeite gern in Teilzeit, weil mir meine Freiheit sehr wichtig ist" oder "Ich habe leider überhaupt kein Organisationstalent" können schnell zum Nachteil werden.

 

 

Bewerbern wird es wirklich alles andere als einfach gemacht. Nervosität und Stress bestimmen das Gespräch. Wie soll man da abliefern? Vor allem introvertierten Menschen, denen lockere Gespräche schon nicht leicht fallen, macht man hier wirklich keine Freude. Wer in dieser durch und durch unangenehmen Situation aufgeregt ist, kann sein Potenzial nicht richtig zeigen. Arbeitgeber stellen dann lieber die ein, die sich super präsentiert haben. Aber nicht immer sind diejenigen mit dem größten Darstellungsgeschick auch am besten für die Stelle geeignet. Es steht 50:50, dass diese Gleichung aufgeht. Leute mit viel Potenzial werden übersehen. Unternehmen lassen sich somit Leute durch die Lappen gehen, die sie wirklich gebrauchen könnten.

 

 

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